Elisabeth Gruber, Gabriele Schichta

Zum Geleit der fünften Ausgabe von MEMO

Alles begann mit mittelalterlichen Kunstwerken: Am 19. Mai 1967 eröffnete Harry Kühnel in der Minoritenkirche in Krems-Stein die Ausstellung „Gotik in Österreich“; der unerwartet hohe finanzielle Erfolg bildete für das bald darauf ins Leben gerufene „Institut für mittelalterliche Realienkunde Österreichs“ (IMAREAL) ein überaus hilfreiches Startkapital. Bereits in seinem Gründungsjahr 1969 wurde eine erste vom IMAREAL kuratierte Ausstellung mit dem Titel „Alltag und Fest im Mittelalter. Mittelalterliche Kunstwerke als Bilddokumente“ im Belvedere eröffnet. Mit dem Erfolg der beiden Ausstellungen war auch in inhaltlicher Hinsicht der erste Schritt des Instituts auf dem Weg zur Erforschung der materiellen Kultur gesetzt, nämlich das Interesse der Mittelalterforschung an materiellen Objekten zu wecken und diese systematisch zu betrachten. Die Methoden, die dafür zur Anwendung kamen, waren innovativ. Bereits 1970 publizierte die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ einen Beitrag mit dem Titel „Per Lochkarte ins Mittelalter“ (Abb. 1) und hob die moderne Ausstattung des Instituts hervor: Mittels fotografischer Dokumentation und eines Sichtlochkartensystems vermochte man „in Minutenschnelle Auskunft zu geben“ über kulturhistorisch interessante Details mittelalterlicher Tafelbilder.

Abb. 1: Artikel aus der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ vom 20. Juni 1970. Foto: IMAREAL.

Seither hat eine Reihe methodischer und technologischer Entwicklungen die Forschungen am Institut geprägt. Die Einbindung unterschiedlicher historisch arbeitender Wissenschaftsdisziplinen war dabei ein wesentliches Merkmal. Von Beginn an tauschten Forschende verschiedener Fachrichtungen in unterschiedlichen Konstellationen und Intensitäten ihre Erkenntnisse aus. Die Einschätzungen der jeweils „anderen“ fachspezifischen Sicht auf die Dinge sind bis heute ein unverzichtbarer – wenn auch nicht immer konfliktfreier – Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit, die am IMAREAL geleistet wird.

MEMO, das als digitales Publikationsforum des Instituts für Realienkunde in den bereits publizierten Ausgaben die Impulse aus dessen Forschungsperspektiven aufgenommen hat, nimmt ebenfalls Anteil am „runden Geburtstag“ seiner Trägerinstitution. Fünfzig Jahre IMAREAL haben wir zum Anlass genommen, in der mittlerweile schon fünften Ausgabe unseres Online-Journals nach den Anfängen des Instituts zu fragen, den zugrunde liegenden Konzepten und Forschungsinteressen auf den Grund zu gehen und die Rahmenbedingungen für die Arbeit der „Gründungsgeneration“ nachzuzeichnen. Die mit Helmut Hundsbichler, Gerhard Jaritz und Elisabeth Vavra geführten Interviews skizzieren das breite Spektrum an Themen und Zugängen zur Position des IMAREAL aus den jeweils individuellen Blickwinkeln und inhaltlichen Schwerpunkten dieser drei – die Forschung am Institut gleichsam von der ersten Stunde an maßgeblich prägenden – Persönlichkeiten heraus. Zusätzlich zu diesen Perspektiven auf die Institutsgeschichte konnten wir auch zwei renommierte Personen aus den Material Culture Studies für unsere aktuelle Ausgabe gewinnen, die dem IMAREAL in wissenschaftlicher wie auch persönlich-kollegialer Weise nahe stehen. Ihre Beiträge widmen sich zum einen der Geschichte der Forschung zur materiellen Kultur im Allgemeinen, und zum anderen dem speziellen Bereich der Materialität und der Inszenierung von Materialien in Kunstwerken. Eine Darstellung und Einschätzung der Entwicklungen, Fragestellungen und Potentiale des Theoriekonzeptes „Materielle Kultur“ präsentiert Hans Peter Hahn (Frankfurt a.M.). In seinem als Forschungsüberblick angelegten Text entwirft er ein eindrucksvolles Bild des Weges, den die Auseinandersetzung mit den Dingen seit dem 19. Jahrhundert bis heute genommen hat. Aus seiner Perspektive haben die letzten 50 Jahre einen wichtigen Entwicklungsschub der Forschung hin zu einem Verständnis der Dinge als „Schlüsselelement der sozialen Kommunikation“ erlebt. Der Beitrag von Kathryn M. Rudy (St. Andrews) liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Anhand von so genannten „Skeuomorphismen“ – Objekten also, die in ihrer Gestaltung andere Materialien und/oder Herstellungstechniken imitieren –  geht sie der Frage nach, welche Bedeutung derartigen Praktiken der Materialimitation  im Mittelalter zuzumessen ist und welche Erkenntnisse hinsichtlich der damit in Gang gesetzten sozialen Kommunikation daraus abzuleiten sind.

Abb. 2: REALonline Bild Nr. 000347 (Heinrich II. Jasomirgott) in der „Tagged View“.

Für das Titelbild der aktuellen Ausgabe von MEMO, die ganz im Zeichen eines halben Jahrhunderts IMAREAL steht, haben wir mit der Darstellung des Markgrafen Heinrich II. „Jasomirgott“ aus dem Geschlecht der Babenberger auf seiner Kreuzfahrt ins Heilige Land ein Reise-Motiv gewählt. Es ist Teil des so genannten „Babenberger-Stammbaums“, eines monumentalen Tafelbildes vom Ende des 15. Jahrhunderts, das sich im Stiftsmuseum Klosterneuburg befindet. Als eines der ersten Bildwerke, die Aufnahme in die Bilddatenbank des Instituts für Realienkunde gefunden hatten, vermag es in  besonderem Maße die Entwicklungen auf technisch-methodischem Gebiet – allen voran jene im Bereich der Digital Humanities – zu veranschaulichen, an denen das IMAREAL seit jeher teilhat und die es kontinuierlich vorantreibt. Zum einen hat das Institut in dieser Hinsicht Pionierleistungen vollbracht, indem die Möglichkeiten neuer Technologien bereits zu einer Zeit ausgelotet und genutzt wurden, als der Begriff „Digitale Geisteswissenschaften“ auf der wissenschaftlichen Landkarte noch nicht existierte und die IT noch in den Kinderschuhen steckte. Gleichzeitig entwickelten sich gerade Computertechnologien und webbasierte Anwendungen in den letzten Jahrzehnten in immer rasanterer Geschwindigkeit weiter, was auch an den digitalen Tools des Instituts – und hier vor allem an REALonline – nicht spurlos vorüberging. Am IMAREAL hat man jedoch auf die Erfordernisse der Zeit reagiert und das wichtigste DH-Produkt des Instituts im Zeitraum von 2013–2017 einer umfassenden Überarbeitung mit anschließendem Relaunch unterzogen. Die Datenbank hat nun zahlreiche neue Features, welche die Benutzerfreundlichkeit erhöhen und neue Möglichkeiten der wissenschaftlichen Recherche eröffnen. Der Babenberger-Stammbaum ist als erstes der in REALonline erschlossenen Werke einer aufwändigen  Neubearbeitung unterzogen worden, durch die er im Frontend der Datenbank in der so genannten „Tagged View“ betrachtet werden kann. Diese ermöglicht es, bereits mittels Mausbewegung über das Bild die zahlreichen dargestellten Elemente des Bildes zu identifizieren und die ihnen zugeordneten Bezeichnungen im hinterlegten systematischen Thesaurus der Bildbeschreibungen sichtbar zu machen. Die außergewöhnlich dichte und komplexe inhaltliche Erschließung der Bilder, die das Ergebnis langjähriger Arbeiten darstellt und REALonline maßgeblich von anderen Bilddatenbanken unterscheidet, wird auf diese Weise bereits an der Oberfläche für die Besucher*innen nutzbar und erleichtert ihnen den Einstieg wie auch die weitere Navigation.

Als „Gesamtheit der Maßnahmen zur Bestimmung des Standorts und zur Einhaltung des gewählten Kurses“ wird der Begriff „Navigation“ im Duden definiert. Am IMAREAL war man insbesondere in der Anfangszeit, aber auch danach stets bestrebt, sich durch klare Zielsetzungen und Aufgaben in der nationalen wie internationalen Forschungslandschaft zu positionieren. Der gewählte Kurs blieb trotz unterschiedlicher wissenschaftlicher, politischer und wissenschaftspolitischer Entwicklungen sowie  zahlreicher „turns“ relativ konstant – und zwar auf die Erforschung materieller Kultur und auf die Beziehungen zwischen Menschen und Dingen ausgerichtet –, gleichzeitig aber immer flexibel genug, um Anregungen und Denkanstöße aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Entwicklungen aufnehmen zu können, und um sich auch Umwege und Abstecher von der vorgegebenen Route erlauben zu können.

Die bereits zu Anfang gesetzten und immer wieder den aktuellen Entwicklungen angepassten Ziele des IMAREAL erforderten eine systematische Erschließung von Quellen. Originalobjekte, Schriftquellen und Bildquellen sollten gleichermaßen für kulturhistorische Interpretationen herangezogen werden. Die aus pragmatischen Gesichtspunkten gewählte Einschränkung auf den Raum der Republik Österreich wurde kontinuierlich ausgeweitet auf jene Territorien, die im Spätmittelalter das Herzogtum Österreich und seine benachbarten Herrschaftsgebiete umfassten. Die politische Wende des Jahres 1989 ermöglichte länderübergreifende Kooperationen, wie etwa das Erschließungsprojekt „Alltag im donaueuropäischen Raum“, das Objekte aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Slowenien erfasste. Mit der Öffnung des räumlichen Konzepts ging auch eine Ausweitung des Untersuchungszeitraums bis ins 17. Jahrhundert einher. Ebenfalls 1989 wurde die bis heute verwendete Bezeichnung als „Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit“ (bei gleichzeitiger Beibehaltung des „alten“ Akronyms IMAREAL) eingeführt. Mit dem Jahr 1997 schließlich hatte sich das bis heute beibehaltene Spektrum der am Institut vertretenen Wissenschaftsdisziplinen etabliert: Neben Historiker*innen, Kunsthistoriker*innen und Germanist*innen zählten nun auch Archäolog*innen kontinuierlich zum Personalstand des IMAREAL.
Seine Offenheit gegenüber unterschiedlichen Positionen und Herangehensweisen im breiten Forschungsfeld der material culture studies manifestierte sich nicht nur in der internen personellen Aufstellung des Instituts, sondern von Beginn an auch in seiner Vernetzung mit in- und ausländischen Forscher*innen und Institutionen und in seiner Anschlussfähigkeit an international rezipierte Theoriekonzepte.  In theoretisch-methodischer Hinsicht übte das Institut dabei schon früh eine Brückenfunktion zwischen unterschiedlichen Zugängen zu materieller Kultur aus: Das stärker aus dem osteuropäischen Raum kommende Denken von Materialität als Grundbedingung von Gesellschaft und Ökonomie und die westeuropäische, insbesondere von der französischen Annales-Schule wesentlich beeinflusste, sozialgeschichtlich orientierte Geschichtsschreibung verbanden sich mit der deutschsprachigen Tradition der Quellennähe, einem besonderen Fokus auf  Quellenerschließung und dem Bestreben, zu systematisieren und zu kategorisieren.

Jede Reise birgt auch ihre Herausforderungen und Risiken; Heinrichs II. Kreuzfahrt ins Heilige Land hätte beinahe ein schlimmes Ende genommen, wäre ihm nicht am Fluss Tembris in der heutigen Türkei gemeinsam mit dem späteren Kaiser Friedrich Barbarossa die Flucht gelungen. Ohne seine heile Wiederkehr hätte wohl die Geschichte der Erhebung der Mark Österreich zum Herzogtum einen völlig anderen Verlauf genommen. Dazu, dass das Institut für Realienkunde während seiner nunmehr 50 Jahre dauernden Reise trotz so mancher Turbulenzen beständig seinen eingeschlagenen Kurs halten und schließlich im Jahr 2012 in den „sicheren Hafen“ der Universität Salzburg einfahren konnte, haben sowohl seine Alleinstellungsmerkmale als auch seine Vielseitigkeit und sein integratives Potenzial wesentlich beigetragen. Die Eingliederung des IMAREAL in das Salzburger Interdisziplinäre Zentrum für Mittelalter und Frühneuzeit ermöglichte seine Weiterentwicklung von einer reinen Forschungseinrichtung zu einer auch in den universitären Lehrbetrieb eingebundenen Institution, die als Sprachrohr für zentrale Fragestellungen und aktuelle Trends in der Erforschung materieller Kultur agieren kann.

Abb. 3: Buch-Cover „Object Links“.

Die jüngste Etappe der  gemeinsamen Reise hat das derzeitige Team am IMAREAL zu einer Publikation geführt, die in der Geschichte des Instituts in dieser Form ein Novum ist und dafür steht, dass nicht nur die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen, sondern auch die Formen interdisziplinären Zusammenarbeitens hier immer wieder neu reflektiert und erprobt werden. Wohl ist das IMAREAL bereits seit den achtziger Jahren für seine Publikationsreihen sowie seit den siebziger Jahren für die Herausgabe interdisziplinär ausgerichteter Tagungsbände bekannt¹; aber zum 50jährigen Bestehen ist nun erstmals ein Buch erschienen, zu dem alle Mitglieder des wissenschaftlichen Teams einen Beitrag im Rahmen eines gemeinsam erarbeiteten methodischen Zugangs beisteuerten.² Die Forschungsperspektive „Object Links“ wurde von den wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen am IMAREAL gemeinsam als ein Zugang entwickelt, der den Blick auf die Beziehungen zwischen Objekten und zwischen Objekten und Personen lenkt und davon ausgeht, dass den Dingen nicht a priori feste Bedeutungen eingeschrieben sind, sondern dass Dinge erst durch die Verbindungen, die sie eingehen, Bedeutung(en) erlangen. In dem gleichnamigen Band Object Links – Dinge in Beziehung wird daher nicht ein gemeinsames Thema oder gar ein gemeinsames Untersuchungsobjekt erforscht, sondern es werden jeweils höchst unterschiedliche Gegenstände aus der gewählten Forschungsperspektive heraus mit gemeinsam entwickelten und auf alle Fallbeispiele anwendbaren Fragestellungen untersucht. Das Ziel war, das Interesse von der (ohnehin schwierigen) Vergleichbarkeit der Quellen und Gegenstände wegzulenken, hin zu einer Vergleichbarkeit der Ansätze. Die in der Diskussion gewonnenen Impulse und neuen Sichtweisen auf die eigenen Themen stellten eine Bereicherung für jedes Teammitglied dar.

Indem wir der Jubiläumsausgabe unserer Zeitschrift MEMO den Titel „Perspektiven auf Materielle Kultur“ gegeben haben, möchten wir das Augenmerk auf die Vielfalt möglicher Zugänge und Theoriekonzepte legen, welche die wissenschaftliche Beschäftigung mit materiellen Objekten stets kennzeichnete – eine Vielfalt, der auch am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit immer Rechnung getragen wurde. Das gleichberechtigte Neben- und Miteinander verschiedener Wissenschaftsdisziplinen und die konstruktive Diskussion prägte während der vergangenen fünfzig Jahre die Arbeit am IMAREAL. Wir wünschen dem Institut, dass diese produktive und wertschätzende Art der Zusammenarbeit auch die nächsten fünfzig Jahre kennzeichnen wird.


¹ Im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschienen von 1976 bis 1990 die Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs.

² Zwar waren mit den Sammelbänden „Die Funktion der schriftlichen Quelle in der Sachkulturforschung“ (1976) und „Alltag im Spätmittelalter“ (1984) bereits Werke publiziert worden, die ausschließlich Beiträge von Mitarbeiter*innen des IMAREAL enthielten, doch unterscheiden sich diese konzeptuell wie auch methodisch von „Object Links – Dinge in Beziehung“ (2019).

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