Elisabeth Gruber, Gabriele Schichta:

Zum Geleit der zweiten Ausgabe von MEMO

Denken Sie bei dem Wort ‚Algorithmus‘ an Seetang, der sich sanft im Takt der Wellen wiegt? Fürchten Sie, dass die ‚Digitalis-ierung‘ bei Ihnen zum Vergiftungstod führt? Und finden Sie im Übrigen, dass Online-Editionen, Datenbanken und kollaborative Plattformen wie Wikipedia den Untergang des (wissenschaftlichen) „Abendlandes“ vorantreiben? Dann gehören Sie wohl eher nicht der in den letzten Jahrzehnten stetig wachsenden Spezies der Digitalen Geisteswissenschafterinnen und Geisteswissenschafter an.

Das, was in jüngerer Zeit unter dem modischen Begriff ‚Digital Humanities‘ firmiert und mittlerweile ein viel praktizierter und zunehmend anerkannter Forschungsansatz in den Geisteswissenschaften geworden ist, wurde am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL) schon beinahe seit den Gründungstagen in den späten 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts betrieben und gehört somit praktisch zu dessen Kerngeschäft: Die Präsentation und Aufbereitung eigener Forschungsergebnisse mithilfe digitaler Methoden wie auch die Bereitstellung optimierter digitaler Tools für die scientific community waren und sind ein zentrales Anliegen des IMAREAL, ebenso wie der nachhaltige und demokratische – auf allgemeine, kostenfreie Zugänglichkeit ausgerichtete – Umgang mit digitalen Ressourcen. MEMO als jüngstes Kind in der ‚digitalen Familie‘ des IMAREAL ist aus eben dieser Forschungshaltung erwachsen und zudem, um in der familialen Metaphorik zu bleiben, born-digital. Was also lag näher als Ausgabe #2 dem Thema Digital Humanities zu widmen und deren Verschränkung mit den zentralen Fragestellungen des Instituts hinsichtlich der Erforschung der materiellen Kultur des Mittelalters und der frühen Neuzeit zu beleuchten.

Bei der Planung und Einwerbung der Beiträge hatten wir eine inhaltliche Schwerpunktsetzung vor Augen, die vor allem auf die vielfältigen Projekte im breiten Forschungsfeld der Mediävistik verweisen sollte, in denen man sich unterschiedlicher Tools der digitalen Erhebung, Erschließung und Präsentation von Daten bedient und bestrebt ist, wissenschaftliche Fragestellungen mithilfe digitaler Methoden zu bearbeiten. Es gelang uns, zu diesem Thema zahlreiche spannende Beiträge zu einschlägigen Projekten zu gewinnen, und zwar sowohl aus den ‚eigenen Häusern‘ in Krems und Salzburg – dazu zählt der Beitrag von Isabella Nicka und Ingrid Matschinegg zu „REALonline neu“ ebenso wie der Artikel von Katharina Zeppezauer-Wachauer zum digitalen Glossar „digEST_ivum“ und der Text von Miriam Landkammer, Michaela Zorko und Gabor Tarcsay zur virtuellen dreidimensionalen Rekonstruktion der Göttweigerhofkapelle und ihrer Wandmalereien – als auch aus uns nahe stehenden Institutionen, mit denen es in Vergangenheit und Gegenwart vielfältige Verbindungen und Kooperationen gab und gibt – hierzu zählt der Beitrag von Markus Gneiß und Andreas Zajic, die Ergebnisse aus ihrem Projekt zu Illuminierten Urkunden präsentieren sowie die Beiträge von Mihailo St. Popović und dem Team von ‚Digitising Patterns of Power‘ an der ÖAW, Stefan Eichert, Bernhard Koschicek und Vratislav Zervan. Darüber hinaus bekamen wir die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Georg Vogeler, Inhaber einer der mittlerweile zwei Professuren für Digital Humanities in Österreich, in dem er unter anderem erörterte, wodurch die Arbeitsweise digitaler Geisteswissenschafter_innen charakterisiert wird, dass sich deren Probleme und Herausforderungen gar nicht so sehr von jenen in den „konventionellen“ Geisteswissenschaften unterscheiden und dass sowohl digitale als auch analoge Ressourcen und Tools immer nur so gut sind wie jene, die sie nutzen und pflegen. Die zentralen Aussagen des Interviews sind ebenfalls Teil dieser Ausgabe.

Die zweite Ausgabe von MEMO wird ganz im Zeichen der Digital Humanities stehen.

Als wir für die Vorankündigung von MEMO#2 diesen Satz formuliert hatten, war uns noch nicht klar, auf welche Dimensionen wir damit explizit und implizit hinweisen würden. Es mutet fast ein wenig wie Ironie des Schicksals an – wenn man denn an das Schicksal glauben möchte – dass wir just bei dieser Ausgabe von MEMO gleichsam von der Kehrseite der glänzenden digitalen Medaille eingeholt und beinahe zu Fall gebracht wurden. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und sowohl technisch als auch menschlich bedingter Fehlleistungen kam es an der Universität Salzburg zu massiven Serverproblemen, die auch unser online Journal betrafen. Georg Vogeler hat auf die Frage der Nachhaltigkeit von Daten sehr eindrücklich geantwortet. Seine Ausführungen zur Pflege einer Bibliothek beschreiben in etwa das, was auch unserem Server, auf dem MEMO gehostet wird, Mitte Juni 2018 passiert ist: er wurde schlichtweg gelöscht.

Die Welt der analogen und somit materiell fassbaren Daten und Ressourcen, mit denen der Mensch bereits eine Jahrtausende währende Erfahrung hat, gibt uns noch immer ein Gefühl von Sicherheit, Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit. Dass dieses Gefühl rationaler Grundlagen entbehrt, kann am Beispiel der Bibliothek von Alexandria und anderer – wohlwollend als auch böswillig – vernachlässigter Ressourcen zugespitzt werden. Ein Umstand, der vielleicht die Illusion der Beständigkeit analoger Daten nähren mag ist, dass (zumindest auf den ersten Blick) schon vergleichsweise wenige oder gar einzelne Individuen eine analoge Bibliothek pflegen und erhalten können, es aber potenziell vieler Mitwirkender bedarf um eine digitale Ressource aufzubauen und zu betreuen – und die Kommunikationsgefüge entsprechend störanfällig sein können. Wenn auch, wie im Fall der vielen Köche, die den Brei verderben, die Beteiligung vieler Akteure von erheblichem Nachteil sein kann, so ist es doch in unserem Fall gerade einer solchen Reihe von Akteuren zu verdanken, dass es MEMO noch gibt und wir nun mit unserer neuen Ausgabe „Digital Humanities & Materielle Kultur“ online gehen können. Wir möchten uns daher ausdrücklich bei ihnen bedanken: Ingrid Matschinegg (IMAREAL), die am IMAREAL die IT-Infrastruktur betreut, war beinahe Tag und Nacht damit beschäftigt, die Verluste so gering wie möglich zu halten; Robert Kubin, der mit der Firma NEXT (Linz) für die technische Umsetzung von MEMO von der ersten Stunde an verantwortlich zeichnet, kam uns nicht nur mit einer aktuellen Sicherungskopie der Gesamtversion zu Hilfe, sondern führte uns mit umfassender Fachkenntnis durch die Fallstricke des Neustarts; die Mitarbeiter der IT-Services an der Universität Salzburg schließlich leiteten entsprechende Maßnahmen in die Wege, die eine Wiederholung eines derartigen Zwischenfalls in Zukunft verhüten sollen.

Ursprünglich wollten wir nicht ganz so genau wissen, was es bedeutet, „im Zeichen der Digital Humanities“ zu publizieren. Nun sind wir um eine Erfahrung reicher – und umso überzeugter davon, dass wissenschaftliches Forschen und Publizieren im digitalen Umfeld zur Normalität werden muss, sodass die daraus entstehenden virtuellen Objekte ebenso umfassend und nachhaltig gepflegt werden können wie Bücher und deren Aufbewahrungsorte.

Bildnachweis

Titelbild der Ausgabe: Der Heilige Severus beim Weben (Ausschnitt)
Flügelaltar aus dem Jahr 1456, Diözesanmuseum St. Ulrich, Regensburg (D).
REALonline Bild Nr. 018728.

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