Elisabeth Gruber, Gabriele Schichta:

Zum Geleit des ersten MEMO Sonderbandes

Knapp fünf Jahre nachdem die erste Ausgabe der Zeitschrift MEMO – Medieval and Early Modern Material Culture online ging, wird nun mit der vorliegenden Publikation ein neues Format etabliert: die MEMO Sonderbände. Es zeigte sich bald nach dem erfolgreichen Anlaufen der regulär erscheinenden Nummern, dass es einerseits immer wieder Einzelbeiträge geben würde, deren Veröffentlichung in einer ausgabenunabhängigen Form sinnvoll wäre; diese Artikel erscheinen seit dem Jahr 2020 in der Reihe MEMO_quer. Andererseits war bald absehbar, dass aus Forschungsprojekten, Workshops, Roundtables und Ähnlichem Publikationen entstehen würden, die aufgrund ihres Umfangs den Rahmen einer regulären Ausgabe sprengen würden. Ihnen wird mit der Reihe der Sonderbände ein geeignetes Forum geboten: In unregelmäßigen Abständen können hier thematisch und konzeptionell eng zusammenhängende Beiträge erscheinen, die neue Fragestellungen und/oder innovative Methoden in der Erforschung der materiellen Kultur des Mittelalters und der frühen Neuzeit ausloten.

Den Beginn macht der Band „Wallfahrt und Regio­nalität in Mitteleuropa in der Frühen Neuzeit (17.–18. Jahrhundert)“, der aus einem am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit angesiedelten Projekt entstand. Das von 2019 bis 2022 laufende und vom Land Niederösterreich im Rahmen des Bündelprojekts Mobile Dinge, Menschen und Ideen. Eine bewegte Geschichte Niederösterreichs finanzierte Teilprojekt mit dem Titel Religiöse ‚Wearables‘ als materielle Zeugen neuzeitlicher Mobilität (17./18. Jahrhundert) beschäftigte sich mit dem Phänomen der Mobilität als Katalysator religiöser Strömungen und Ideen. Ausgehend von religiösen Wearables, d.h. Anhängern und Medaillen, wurden Fragen frühneuzeitlicher Mobilität und ihre Auswirkung auf die Verbreitung religiöser Strömungen untersucht. In einem Workshop traten die Projektmitarbeiter*innen in Austausch mit internationalen Forschenden, wodurch die für das Gebiet des heutigen Niederösterreich gewonnenen Erkenntnisse mit den Gegebenheiten in anderen mitteleuropäischen Regionen kontextualisiert werden konnten.

Im einleitenden Beitrag, der die gemeinsamen Fragestellungen, Konzepte und Methoden erläutert, fragen Thomas Kühtreiber – gleichzeitig Herausgeber des Bandes – und Jacqueline Schindler, ob und inwieweit Wallfahrten in der Frühen Neuzeit auf regionale Ziele beschränkt waren und welche Rolle das Wallfahrtswesen bei der Herausbildung von Regionen spielte. Karin Kühtreiber und Regine Puchinger untersuchen daraufhin die „Reichweite“ von Wallfahrten im niederösterreichischen Zentralraum aus doppelter Perspektive: Einerseits gehen sie von religiösen Medaillen als Beigaben aus, andererseits betrachten sie das Phänomen aus dem Blickwinkel zweier Wallfahrtsorte. Barbara Taubinger widmet sich Votivgaben aus Schatzkammern an Wallfahrtsorten, welche in der Zusammenschau mit Mirakelaufzeichnungen eine bislang unterschätzte Quelle für die Analyse der Reichweite von Wallfahrten in Kombination mit den damit verbundenen Motivationen bieten. In ihrem Beitrag zu Gnadenbildern der Pietà in Niederösterreichs Kleindenkmälern untersucht Walpurga Oppeker die Wallfahrtsbezüge von Klein- und Flurdenkmälern. Dabei rekonstruiert sie auf Basis niederösterreichischer Flurdenkmäler mit „Vesperbildern“ spezifische Pilgerrouten zu drei Marienwallfahrtsorten. Benedikt Prokisch wertet Funde religiöser Medaillen aus einem Wiener Spitalsfriedhof für arme Frauen aus. Der Kontext ermöglicht es, Fragen nach sozial- und geschlechterspezifischen Mustern in der Praxis von Grabbeigaben zu stellen.
Es folgen noch drei Beiträge, in denen der Blick auf Nachbarländer Österreichs gelenkt wird: Ana Azinovic Bebek nimmt eine vergleichende Auswertung von Funden religiöser Medaillen aus kroatischen Friedhöfen vor. Diese zeigt regionale Differenzierungen: Während in Dalmatien eher italienische Wallfahrtsziele beliebt waren, orientierte sich das nördliche Kroatien in Richtung Österreich. Markéta Holubová, Martin Omelka und Otakara Řebounová analysieren religiöse Druckmedien und Medaillen aus der Tschechischen Republik hinsichtlich ihrer Aussagekraft in Bezug auf regional unterschiedliche Wallfahrtsziele. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen Böhmen und Mähren. Den Schluss bildet Szabina Reich mit einem Blick auf Ungarn. Sie stellt Funde religiöser Medaillen aus ungarischen Friedhöfen in einem Katalog zusammen und diskutiert sie hinsichtlich ihrer verschiedenen Kontexte. Konfessionelle Differenzen, die osmanische Herrschaft in Ostungarn sowie Migrationsbewegungen bilden sich in der Fundverteilung ab.

Der vorliegende Band ist hervorragend geeignet die Reihe der MEMO Sonderbände zu eröffnen, behandelt er doch mit der Wallfahrt ein Thema, an dem die Interaktion von materiellen Objekten und menschlichen Akteuren sowie die Bedeutung der sie verbindenden Praktiken im Spannungsfeld von Mobilität (sowohl der Objekte als auch der Akteure) deutlich wird. Wir hoffen, dass ihm in den kommenden Jahren noch zahlreiche weitere Bände folgen und MEMO mit neuen Impulsen aus dem weiten Forschungsfeld der materiellen Kultur bereichern werden.

Header Background Image: REALonline Bild Nr. 016598. Wandmalerei aus dem 15. Jh, Pfarrkirche Laakirchen (Oberösterreich).

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