Das Materielle in den Dingkulturen

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Thomas Kühtreiber
Kontakt: thomas.kuehtreiber@sbg.ac.at
Website: http://www.imareal.sbg.ac.at/home/team/thomas-kuehtreiber/
Institution: Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Krems (A)
GND: 122049292
Heike Schlie
Kontakt: heike.schlie@sbg.ac.at
Website: http://www.imareal.sbg.ac.at/home/team/heike-schlie/
Institution: Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (IZMF, Universität Salzburg) | Körnermarkt 13 | A-3500 Krems an der Donau
GND: 186525826
Erstveröffentlichung: November 2017
Lizenz: Sofern nicht anders angegeben Creative Commons License
Medienlizenzen: Medienrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, bei den Autoren
Letzte Überprüfung aller Verweise : 22.11.2017
GND-Verschlagwortung: Holzart | Holzqualität | Holzwerkstoff | Materialität |
Empfohlene Zitierweise: Kühtreiber, Thomas/Schlie, Heike: Holz als Geschichtsstoff: Das Materielle in den Dingkulturen, in MEMO 1 (2017): Holz in der Vormoderne, S. 1-11, Pdf-Format, doi: 10.25536/20170101.
Übersicht Abbildungen

Abstract

Die erste Ausgabe des Online-Journals MEMO ist der Forschungsperspektive Materialities des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (IMAREAL) gewidmet. An ihrem Ausgang steht das Desiderat, auf das eigentlich Materielle und Substanzielle der „Materiellen Kultur“ zu fokussieren und eine Eigensprachlichkeit des Materiellen ernst zu nehmen. Menschliche Akteure und Materialien stehen in vielfältigen Wechselwirkungsprozessen: Die Erforschung derselben ermöglicht ein tieferes Verständnis des Angebotscharakters von Stoffen und Substanzen in ihrer kulturell gefilterten Nutzungsbreite und der damit verbundenen Bewertung und Diskursivierung als soziale Ressource. Der Beitrag stellt zum einen die Forschungsperspektive vor, zum anderen wird in das Thema „Holz als Werk-, Wirk- und Kunststoff“ eingeführt, dem der erste Perspektiven-Workshop gewidmet war.

Abstract (englisch)

The first issue of MEMO is dedicated to the research perspective materialities at the Institute for Medieval and Early Modern Material Culture (IMAREAL). Fostering the material in „material culture“ and taking the material’s own faculty of speech into account are desiderata which represent the core interest of our research. Human actors and materials are involved in multiple reciprocal processes: Looking at these processes will open up a better understanding of the affordance of physical substances in their variety of use, evaluation and discursivizaton als social resource. The paper introduces into the research perspective in its first part and discusses the topic „Wood as raw material, active substance and artifact“, to which the first perspective-related workshop was dedicated.

Inhaltsverzeichnis

Das eigentlich ‚Materielle‘ in der Beschäftigung mit Materieller Kultur ist lange Zeit eher vernachlässigt worden. Daher wird das Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL) in den nächsten Jahren im Rahmen der Forschungsperspektive ‚materialities‘ ein besonderes Augenmerk auf bestimmte Werkstoffe lenken, die in der Vormoderne breite Verwendung fanden und hinsichtlich ihrer Verarbeitungen, Funktionen und Semantiken einen großen Teil der kulturellen Arbeit1 einer Gesellschaft ausmachten. Da die Perspektive der Materialität gerade in einem interdisziplinären Umfeld umso fruchtbarer wird, je konkreter das Thema umrissen wird, wurde als erster Werkstoff ‚Holz‘ ausgewählt und im September 2016 in Krems an der Donau ein dreitägiger Workshop veranstaltet, der bewusst als interdisziplinärer Gedankenaustausch designt war und der Vernetzung materialwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Zugänge dienen sollte. Einige der in diesem Workshop zur Diskussion gestellten Beiträge sind in der ersten Ausgabe von MEMO versammelt und stehen stellvertretend für die Perspektivenvielfalt der Ansätze, die über disziplinäre Grenzen hinweg Anknüpfungspunkte und Anregungen für das Weiterdenken der eigenen Annäherungen an den Werkstoff Holz suchen.

Der folgende Text dient in seinem ersten Teil der Vorstellung der Forschungsperspektive ‚Materialities’ und ihrer Desiderate, während der zweite Teil einer Einführung in die Thematik des Materials Holz als Werkstoff, als Wirkstoff und als Kunststoff gewidmet ist.

Perspektive ‚Materialities‘

Geriet immerhin erst das banale ‚Ding‘ in das Blickfeld der historischen Wissenschaften, war die Frage nach den Bedingungen seines ‚Gemacht-Seins’ vermeintlich noch weiter von den Kriterien einer Ideengeschichte entfernt, welche die historischen Disziplinen lange in methodischer Hinsicht und in ihren Gegenständen geprägt haben. Dass Artefakte lediglich der materielle Ausdruck und die Folge von Ideen seien, ist in der Nachfolge von neoplatonischen Konzepten zu sehen und erst seit dreißig Jahren einer Revision unterzogen worden.2 So betonte beispielsweise bereits Daniel Miller, dass die Artefakte und ihr Umgang mit ihnen ihrerseits die geistige Kultur und die soziale Ordnung prägen.3 Wenn Hans Peter Hahn allerdings von der „Verknüpfung von Geistigem und Materiellem“ in den von ihm angeführten Beispielen der Forschung spricht, so meint er die Verknüpfung von „Geist und Ding“, und nicht von „Geist und Material“. Materielle Kultur meint hier immer zunächst „Dingkulturen“, und nicht „Materialkulturen“. Zwar ist diese Unterscheidung für die Erforschung materieller Kultur nicht grundsätzlich relevant, doch es ändert sich die Perspektive der Fragestellungen, wenn man die Sache nicht vom „Ding“, sondern vom „Material“ her denkt.4

Einer der meist zitierten philosophischen Texte zur materiellen Kultur, „Das Ding“ von Martin Heidegger, ist für eine Vernachlässigung des materiellen Aspektes in der Dingforschung ein vorauseilendes Beispiel. Der Text ist in letzter Zeit verstärkt rezipiert worden, weil das „dingende Ding“,5 das die Menschen „be-dingt“,6 quasi eine Steilvorlage zu bieten scheint für Konzepte einer Agency der Dinge, wie sie beispielsweise die Akteur-Netzwerk-Theorie vertritt.7 Für das Wesen des Kruges, das im Zentrum von Heideggers Text steht, ist nur seine Funktion und seine Wahrnehmung als zwar Bestehendes und dem Menschen „Vor-stehendes“, jedoch immer abstrahierte Entität entscheidend, nicht aber eine Berücksichtigung seines Materials und der vom Material bestimmten Eigenschaften. Der Krug in seiner doppelten Eigenschaft als Behälter und als Gießgefäß ist es, der den Gegenstand so interessant macht; an der Form des Ausgusses ist das, was die Handlungsoption ist (Ausgießen), stets dinglich und visuell präsent.8 Das Material, obwohl bei Heidegger genannt (Ton [eigentlich Keramik, Anm d. A.].), kommt hier nicht zwingend in den Blick; die kühlenden Eigenschaften eines irdenen Kruges sind für seine Ausführungen so wenig interessant wie der Durchsicht auf den Inhalt erlaubende gläserne Krug, geschweige denn seine zum Sprichwort gewordene Belastbarkeit („Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“). Herstellung und Material sind für ihn nur die Grundvoraussetzung einer „neutral-materiellen“ Gegenwart des Kruges, sein ‚Sein‘ und seine Dinghaftigkeit wird von den Materialeigenschaften getrennt, was selbst für seine Herstellung gilt: „Das Dinghafte des Gefäßes beruht keineswegs im Stoff, daraus es besteht, sondern in der Leere, die es faßt.“9

Dabei lässt sich insbesondere in der symbolhaften Verarbeitung von materiellen Dingeigenschaften die zeitgenössische Diskursivierung derselben besonders gut beleuchten: Der irdene Krug in Mariendarstellungen bezeichnet nicht nur den Marienleib als Gefäß der Aufnahme des inkarnierten Logos,10 sondern verweist gleichzeitig auf den Mythos der Schöpfung – den aus Lehm geschaffenen Adam (1. Mose/Gen 2,7). Aus Glas sind dagegen in Marienbildern Gefäße mit durchsichtigen Flüssigkeiten, da das durch Glas und Flüssigkeiten ohne materielle Veränderungen durchgehende Licht die Jungfräulichkeit Mariens bezeichnet.11 Wenn beide Symboliken und Materialien in einem einzigen Bildargument zusammen kommen, wie auf der Mitteltafel des Portinari-Retabels des Hugo van der Goes (Abb. 1), so liegt nahe, dass diese Materialitäten eben auch in ihrer Unterschiedlichkeit nebeneinander reflektiert wurden, oder anders gesagt: Die Materialitäten stehen hier in einem Dialog. In der der sich später entwickelnden Symbolik des irdenen zerbrochenen Kruges als Verlust der Jungfräulichkeit12 ist erneut das Material entscheidend: ein Holzkrug wäre hier nicht zweckdienlich.

In den letzten Jahren ist die spezifische Materialität der Dinge zunehmend in den Fokus verschiedener historischer Disziplinen geraten und sowohl in werkstoffkundlicher, technischer als auch in symbolischer Hinsicht untersucht worden. Man könnte fragen, warum das Befüllen der Heidegger‘schen Leerstelle mit unserer zunehmenden Wahrnehmung der Welt über den Computerbildschirm zusammenfällt, in der gerade das Materielle nivelliert wird bzw. herauszufallen scheint. Tatsächlich scheint die Virtualisierung der Welt zumindest in manchen Bevölkerungskreisen auch eine Sehnsucht nach dem ‚Analogen‘, dem ‚Physisch-Haptischen‘ auszulösen, was u.a. auch in den sog. Do-it-Yourself, Craft- oder Maker-Bewegungen ihren gesellschaftlichen Ausdruck findet. Dies schließt freilich auch den Einsatz von High-Tech-Maschinen bis hin zu 3D-Druckern nicht aus. Der Computer ist allerdings auch im Fall des 3D-Druckers die Voraussetzung zur Doppelung der Dinge in einer für die Wahrnehmung unterdrückten Ersatzmaterie. Trotz dieses gesellschaftlichen Kontexts fällt auf, dass dem aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskurs um die materielle Kultur nach wie vor eine eigentümliche Tendenz zur Ent-Materialisierung des Materiellen innewohnt. Dies korreliert mit der Beobachtung, dass dann, wenn das Material explizit in den Fokus rückt, sehr oft eine Ent-Medialisierung dieses Materiellen zu konstatieren ist. Als Beispiel sei folgende Kategorisierung nach Genz/Gévaudan genannt: Die Autoren bezeichnen die Tinte einer Schrift als eine dem Zeichen selbst inhärente Materialität, während das (beschriebene) Papier nur Zeichenträger sei.13 Wie schwierig gerade eine klare Trennung von „Medialität“ und „Materialität“ sein kann, zeigt das Beispiel der Möglichkeiten des Abschaltens eines Radios aus der gleichen Studie: Während es dort als Spezifikum der Materialität des Apparates genannt wird,14 könnte man das gleiche Phänomen ebenso schlüssig seiner Medialität zurechnen. Umgekehrt ist für Gottfried Boehm das Material, aus dem ein Bild oder Bildwerk besteht, sein Medium15 – dies alles sind Begriffsverschleifungen und Perspektivenwechsel, die eine theoretische Einschätzung und Arbeit über die Bedeutung von Materialien und Materialitäten nicht eben einfacher machen.

Entsprechend dem „Dinge als Zeichen“-Diskurs16 steht auch in der Materialitäts-Forschung oftmals die Ausdeutbarkeit von Stoffen in unterschiedlichen Kontexten, seien diese nun zeitgenössisch oder disziplinär gedacht, im Vordergrund. Als Beispiel dafür sei die Kunstgeschichte angeführt: In dieser ist die Berücksichtigung des Materials für die Semantik des Werks unter den Begriff der Materialikonologie gefasst. An der Begrifflichkeit selbst orientiert ginge es streng genommen um die ‚Bildlichkeit‘ und Bildwerdung des Materials. Dies hängt eng mit der Methodengeschichte des Faches zusammen: zu Form (Stilanalyse) und Inhalt (Ikonographie) kam schließlich die Substanz des Werkes (Materialikonologie) für die (Be)Deutung hinzu.17 Dies suggeriert, dass mit dem Material auf die gleiche strukturelle Weise ‚bedeutet‘ wird wie mit inhaltlichen oder formalen Entscheidungen; Materialität und Medialität scheinen hier zu verschwimmen. Für die Kunst der Moderne mag dies sogar ein Charakteristikum sein. Als Beispiel wäre die Wahl von Fett und Filz bei Joseph Beuys zu nennen: Die Materialien per se „bedeuten“ in Beuys’ Werk Energie, Wärme, Heilung und Kraft.18 Für die Vormoderne ist eine Eigensprachlichkeit des Materials bisher weniger systematisch thematisiert worden. Die Ausnahmen sind sprechend: In den Fokus geraten solche Fragen – analog zu den Umbrüchen der Medienwechsel – im Kontext der „Materialienwechsel“ (vom Pergament zum Papier, von der (Holz-)Tafelmalerei zum Leinwandgemälde, vom Steinbau zum Eisenbau usf.). In der Vormoderne erscheint das Material oft als durch äußere Bedingungen vorausgesetzt. Die Entscheidung beispielsweise, eine Skulptur aus Eichenholz oder Lindenholz zu fertigen, wird vordergründig eher durch Vorkommen/Angebot und die Schwierigkeiten der technischen Bearbeitung entschieden als durch eine zum Bildwerk übertragbare Bedeutung von ‚Linde‘ oder ‚Eiche‘, die dann gleichwohl fruchtbar gemacht werden kann. Die Entscheidung zwischen ‚Holz‘ oder ‚Stein‘ ist in der Regel durch Kontext und Gattung vorgegeben, kann aber ebenfalls für die Sinngebung genutzt werden. Weiterhin ist die Affordanz19 eines Materials selbst zu berücksichtigen: Es ist davon auszugehen, dass ein bestimmtes Material mit den ihm eigenen ästhetischen, sensitiven, bearbeitungstechnischen und symbolischen Eigenschaften sowie einem spezifischen Verfügbarkeitsprofil zu Verwendungen und zur Schaffung von Artefakten herausfordert, die ohne diese Konstellation gar nicht ins Spiel kommen würden. Ohne das Material kein Objekt, ohne Materialeigenschaften bzw. Materialaffordanz keine Objektidee. Ein weiterer Schritt wäre die Überlegung, ob in den historischen Konstellationen der kulturellen Arbeit nicht nur von lebenden Akteuren und Ding-Akteuren auszugehen ist, sondern bereits die Materialien als Akteure anzusehen wären.

Mit dem vorgestellten Forschungsinteresse gehen wir davon aus, dass Beziehungen zwischen Menschen und Materialien entstehen, die uns physisch wie psychisch prägen und Mensch-Material-Bindungen schaffen: material ties. Diese zum Stoff von Material-Geschichte – materialities – werden zu lassen, ist die zentrale Aufgabe dieser Forschungsperspektive.20

Ziel einer Materialitätsforschung der Vormoderne sollte es daher sein, diese unterschiedlichen Ebenen menschlicher Verortung in der physischen Welt ebenso multiperspektivisch zu betrachten, ohne dabei einer Perspektive im Sinne einer kulturellen Deutungshegemonie den Vorzug zu geben: Materialien sind multifunktional und vieldeutig, wobei ihre ‚Eigenschaften‘ erst im konkreten Funktions- und Semantisierungsinteresse emergieren und Bedeutung gewinnen. Sie können aber auch in der konkreten Wechselwirkung mit den (anderen) Akteuren ‚eigensinnig‘ sein, d.h. Eigenschaften offenbaren, die nicht im Blickpunkt der auf sie Einwirkenden stehen, und somit zu einem Re-Framing in der Wahrnehmung und den Handlungsspielräumen der Akteure führen.21 Materialien sind daher gleichberechtigt mit bzw. in Objekten, belebt oder unbelebt, Konstituenten von Welterfahrung und Weltbildern und somit grundlegende Bausteine von historischen Prozessen – und als solche sind sie von der Geschichtsschreibung zu berücksichtigen.

Holz als Startpunkt für die Forschungsperspektive „materialities“

Holz kann gleichsam als basaler, wenn nicht archetypischer Bau- und Werkstoff gelten; seine mythischen Urszenen finden sich beispielsweise im Bau der Arche Noah aus dem Gopherbaum,22 der heute nicht mehr genau zu identifizieren ist. Mit der Holzart war allerdings sicher auch eine symbolische Ebene verbunden, die den Lesern des Urtextes noch vertraut war. Überhaupt ist auffällig, wie differenziert vor allem im Alten Testament vom Holz gesprochen wird, konkret und metaphorisch, in Zusammenhängen des Opferns und des Bauens, in der Spanne zwischen wohlriechendem und faulem Holz (Hiob 41,19) und in der Nennung der Holzarten und ihrer Herkunft (z.B. vom Libanon), wohl um den Wert hervorzuheben. In der christlichen Sicht wird das Thema Holz gleichsam aufgespannt zwischen dem Lebensbaum des Paradieses und dem aus ihm geschnitzten Kreuz Christi als dem neuen Holz des Lebens, mitsamt allen konkreten und symbolischen Postfigurationen, der Verehrung von unzähligen angeblichen Kreuzpartikeln und hölzernen Kruzifixen.

Holz ist auch der Werkstoff, den Thomas von Aquin in seinem Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles dazu benutzt, um den in der Hierarchie einer Wissenschaft ganz zuoberst stehenden Akteur als architector zu beschreiben, indem er ein konkretes Beispiel aus dem mit Holz operierenden Schiffsbau wählt und ausführt – eigentlich, um die Struktur und Hierarchie der geistigen Wissenschaften zu beschreiben:

„Jene, die die Ursachen und das Weswegen wissen, verhalten sich zu denen, die allein das Daß wissen, wie die architektonischen artes zu den handwerklichen artes (…). Also sind diejenigen, die die Ursachen und das Weswegen kennen, wissender und weiser als diejenigen, die nur das Daß wissen. Der Obersatz des Beweises wird klar dadurch, daß nur die architectores die Ursachen des Hergestellten kennen. Um dieses zu verstehen, muss man wissen, daß der architector gewissermaßen der oberste artifex ist (…). Die Tätigkeiten der artifices werden aber auf diese Weise unterschieden. Einige Tätigkeiten bereiten die Materie des Werkes vor, wie der Zimmermann, der die Materie für die Form des Schiffes vorbereitet, indem er das Holz sägt und glättet. Eine andere ist die Tätigkeit der Anbringung der Form, wie wenn jemand aus dem geordneten und vorbereiteten Holz das Schiff zusammenbaut. (…) Und, weil die Materie um der Form willen ist, und derart die Materie sein muß, die nach der Form strebt, deshalb weiß der Schiffbauer die Ursache, weshalb das Holz so angeordnet sein muß, was diejenigen nicht wissen, die das Holz vorbereiten.“23

Dass Thomas – im Gegensatz zu Aristoteles – überhaupt einen Vergleichsparameter aus einer „Herstellungswissenschaft“ wählt, um die Struktur und Hierarchie der geistigen Wissenssysteme zu beschreiben, hängt mit der Aufwertung der artes mechanichae im Hochmittelalter zusammen. Er wählt hier allerdings nicht das Errichten eines Gebäudes aus Stein, was sich in metaphorischer Hinsicht auch angeboten hätte, sondern den Schiffsbau, für den Holz (zu seiner Zeit) Alleinstellungsmerkmal haben dürfte. Zumindest in metaphorischer Hinsicht wird „Holz“ in seiner Argumentation zu einem Grundstoff der Wissenssysteme, der artes.24

Holz war demenstprechend in der Vormoderne omnipräsent, von Bäumen und Sträuchern in den Kultur- und Naturlandschaften bis hin als Werkstoff in Gebäuden und Geräten, als Grundstoff für Kunstwerke wie auch für Medizin. Wenn daher die Archäologie dazu neigt, große Epochen über die Werkstoffe „Stein“, „Bronze“ und „Eisen“ zu definieren, so bleibt doch Holz das „kosmische Hintergrundrauschen“ im Universum der Materialien. Im systemischen Umgang mit Holz kann daher mit Fug und Recht auch von vormodernen „Holz-Gesellschaften“ gesprochen bzw. über diese und ihre spezifischen Strukturen und Bedürfnisse nachgedacht werden. Außerdem ist Holz ein nachwachsender Werkstoff – im Gegensatz zu den zwei weiteren basalen Baustoffen Lehm und Stein. Das führte und führt zu einem anderen Umgang mit ihm, sei es im Ressourcenmanagement, sei es in der metaphorischen Reflexion. Holz ist des Weiteren kein homogener Stoff, er weist unterschiedliche Eigenschaften auf, je nachdem, ob man Wurzel-, Stamm- oder Astholz, Kern- oder Splintholz eines Stammes oder Hölzer verschiedener Baum- und Straucharten heranzieht. Last, but not least, ist Holz wie alle organischen Stoffe stärker der Vergänglichkeit ausgesetzt als viele anorganische Stoffe. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die Überlieferung hölzerner Artefakte, sondern hatte nebst der Frage der spezifischen Pflege von Holzobjekten auch Auswirkungen auf die symbolische Bewertung von Holz im Vergleich zu dauerhafteren Stoffen.

Um der kulturhistorischen Bedeutung des Werkstoffes Holz auf die Spur zu kommen, bedarf es daher eines multiperspektivischen und interdisziplinären Ansatzes, der die ökologischen, ökonomischen wie kulturellen Rahmungen von Holz als Ressource bis hin zur symbolischen Besetzung auf der Grundlage von Herkunft, Materialeigenschaften und Verwendung berücksichtigen kann und im Idealfall zu einander in Beziehung zu setzen vermag. Eine solche Herangehensweise ist nicht nur notwendig zu einer Erfassung der kulturhistorischen Bedeutung eines Werkstoffes, sondern erlaubt darüber hinaus Erkenntnisse zur „Macht der Dinge“25 hinsichtlich ihrer handlungsanleitenden und sinnstiftenden Wirkungen in den jeweiligen historischen Konstellationen. Dies gilt insbesondere auch für ursprünglich nicht angelegte Funktionen und Auswirkungen der Dinge, die sich im Laufe einer Objektbiographie ergeben. Das Wissen über den Werkstoff Holz entsteht gerade auch in dem Interagieren zwischen ‚Material‘ und ‚Mensch‘. Dies betrifft sowohl die Praktiken des Herstellens als auch der Nutzung, Umarbeitung und der neuen Funktionalisierungen von Artefakten aus Holz.

Besonders erhellend sind die scheinbaren Brüche und Inkonsistenzen, die nur aus einer solchen interdisziplinären Sicht aufgedeckt werden können: Wurde ein Gegenstand trotz anderer nahe liegender Optionen aus Holz hergestellt, obwohl dieses Material entweder für den Produktionsprozess oder für die Nutzung denkbar ungeeignet erscheint, so wäre für die Motivation der Wahl des Materials beispielsweise ein höherer symbolischer oder ästhetischer Wert anzunehmen. Ähnliches gilt für Strategien der Materialnegierung, der Materialimitation oder der Materialhervorhebung, deren Analyse sich als besonders aussagekräftig für die pluralen und komplexen Bedeutungen von Holz als Werkstoff erweisen kann.

Während einerseits Multiperspektivität der Anspruch des Workshops war und auch das Ziel der hier vorliegenden Ausgabe von MEMO ist, so war bzw. ist es andererseits für die Verknüpfbarkeit der Ansätze sinnvoll, nach Querschnittsthemen zu suchen. Diese erheben nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern setzen Schlaglichter, die den Diskurs zwischen materialwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Zugängen ermöglichen soll(t)en.

‚Ressource‘ Holz

Ressourcen sind keine objektiven Entitäten, sondern werden nur in Bezug auf kulturell geprägte Bedürfnisse und Erwartungen hin wahrgenommen. Umgekehrt bedarf es aber auch der Angebote. Aus diesem Grund stellen daher weder die ökologisch oder ökonomisch bedingte Verfügbarkeit bestimmter Holzarten eine deterministische Konstante dar, noch ist einzig und allein der soziokulturelle Filter des „Notwendigen“ und „Begehrten“ alleiniger Maßstab der Auswahl genutzter Holzarten bzw. spezifischer holzbildender Pflanzenteile, im Gegenteil: Die Nachfrage ist sowohl abhängig von den Werkstoffeigenschaften als auch von Wertschätzungen generiert, die nicht direkt mit den bekannten Eigenschaften des Materials in Verbindung gebracht werden können. Die Gewinnung des Holzes und seine Distribution im Handel sind unter anderem auch dadurch geprägt, dass es Werkstoff-‚Konkurrenzen‘ innerhalb von Holzarten bzw. zwischen Holz und anderen Materialien gibt, und diese Konkurrenzen wiederum haben Aussagekraft über die Mensch-Material-Beziehungen. Dieses Beziehungsgeflecht zwischen der Affordanz von Hölzern, der Wahrnehmung derselben durch die jeweiligen Akteure, zwischen Ökotopen und sozioökonomischen Systemen ließ spezifische Holz-Gesellschaften im sozialen wie naturalen Sinne entstehen: Wie der Beitrag von Daniel Schläppi am Beispiel des vormodernen Holzregimes der Stadt Zug zeigt, entwickelte sich um die „Fundamentalressource“ Holz ein komplexes sozioökonomisches Gefüge, das einerseits – entsprechend der langen, generationenübergreifenden Holzerntezyklen – stabiler Strukturen und vorausschauender Strategien für nachhaltigen Umgang bedurfte, andererseits einem permanenten Ausverhandlungsprozess entsprechend den aktuellen Bedürfnissen von Individuen und Teilgruppen der Kommune unterlag. Dementsprechend wirkte Holz als Ressource auch in obrigkeitliche Verordnungen hinein und wurde somit zum Transporteur örtlicher/regionaler Machtverhältnisse. Am ausdrücklichsten fand dies in obrigkeitlichen Holz- und Waldordnungen seinen Ausdruck, wie dies sowohl im Beitrag von Daniel Schläppi als auch bei Thomas Kühtreiber und Josef Löffler thematisiert wird. Wie Schläppi betont, wäre es reizvoll, hier den genossenschaftlich-kommunalen Zugang Schweizer Städte mit jenem zeitgleicher Landgüter im adeligen oder kirchlichen Besitz zu vergleichen; möglicherweise ließe sich dadurch die Wirkmacht von Holz auf vormoderne Haushaltssysteme bei allen erkennbaren Unterschieden noch stärker herausarbeiten.

Materialwissen zwischen Empirie und Gelehrtendiskurs

Was sich aus allen Beiträgen der Ausgabe herauslesen lässt, ist das Vorhandensein von außerordentlich ausdifferenzierten historischen Wissen über Holz und seine stofflichen Eigenschaften in spezifischen Verwendungskontexten. Heißt dies nun, dass es ein allgemein verfügbares Wissen über Holz in all seinen Varietäten gab? Diese Frage lässt sich nicht einfach mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten: Die kulturelle Auseinandersetzung mit Werkstoffen, so auch mit Holz, generiert Wissen UND bestimmt sich aus dem Wissen über Materialgewinnung, Materialverarbeitung und Materialverhalten. Wissen über Materialien nährt sich zum einen grundlegend aus dem alltäglichen Umgang mit ihnen, was sowohl die Herstellung der Dinge als auch den Gebrauch derselben betrifft. Die Herstellung von Artefakten aus bestimmten Werkstoffen wie Holz „lehrt“ den menschlichen Akteur, welche Bearbeitungen möglich sind und wo die werkstoffspezifischen Grenzen sind. Verarbeitungstechniken und Holzeigenschaften werden u.U. „vergessen“, wenn sie in einer bestimmten historischen Konstellation obsolet werden. Die Kausalität, die wahrgenommenen Eigenschaften spezifischer Hölzer zugeschrieben wird, ist hingegen ein Interpretationsprozess: Welche Konzepte der Einflussnahme des Menschen auf die Qualität des Holzes gelten können, zeigt beispielsweise die Auseinandersetzung mit einem Wissen zur Bestimmung des Fälldatums im Kontext astrologischer Überlegungen. Wie der Beitrag von Thomas Kühtreiber und Josef Löffler zeigt, wurde die auch aus heutiger Sicht richtige Beobachtung des trockeneren Holzes in der Winterzeit seit der Antike kausal mit der Holzschlägerung bei abnehmendem Mond in Verbindung gebracht. Auch wenn letztere Interpretation heutigen holzwissenschaftlichen Analysen nicht Stand hält, war die Interpretation in der Vormoderne nicht „falsch“, weil die Kombination aus Winter UND Mondkonstellation zum richtigen Ergebnis führte. Anders formuliert: Die Kausalität erwies sich für lange Zeit als „passgenau“, ähnlich wie heute Newton’sche Physik für die Erklärung von Alltagshandlungen als ausreichend erscheint, wenngleich quantenphysikalische Erkenntnisse längst Grundlage unserer elektronischen Geräte bilden.

‚Wissen‘ entsteht auch im Gebrauchskontext, basierend auf einer Vielfalt sinnlicher Erfahrungen, wie Haptik, Optik, Klang oder Geruch. Als „implizites Wissen“ wurde dieses selten verschriftlicht und kann heute oftmals nur indirekt über die Holzartefakte selbst erschlossen werden: Spezifische Einsatzmuster von besonderen Holzarten für Geräte oder Geräteteile, wie sie vom Team um Michael Grabner holzanatomisch nachgewiesen wurden, oder von Krummhölzern an Glockenstühlen, wie im Beitrag von Iris Engelmann, erlauben es, derartiges „verlorenes Wissen“ wieder zu entdecken und auch für die moderne Forschung verfügbar zu machen. Dieses Wissen fließt in Bewertungen und symbolische Ausdeutung im Rahmen diskursiver Kontexte ein. Die lange Tradition insbesondere von Gelehrtendiskursen mit starkem Rekurs auf antike und biblische Texte führt auch zu Fragen der Verschränkung beider Wissensebenen. So ergibt sich beispielsweise die Frage, wie antike und biblische Holzbezeichnungen im Mittelalter und früher Neuzeit „übersetzt“ und verfügbare Hölzer dadurch sakral konnotiert werden („Aus welchem Holz war das Kreuz Christi?“, „aus welchem Holz bestand die Arche Noah?“). Materialwissen lässt sich zudem im bewussten  Negieren von Eigenschaften fassen, wie dies beispielsweise am Umgang mit Nadelholz als Bildträger von Nürnberger Tafelbildern des Spätmittelalters im Beitrag von Katja von Baum, Beate Fücker und Lisa Eckstein deutlich wird: Wenngleich aus der Holzartenauswahl nicht nur ein Wissen um die regionale und – im Fall von Köln – auch überregionale Verfügbarkeit deutlich wird, so zeigt die Verwendung von minderwertigem, weil astreichem Nadelholz bei gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes ‚oberflächlicher‘ Kaschierung der Astaugen und Harzgallen, dass selbst bei qualitativ hochwertigen Tafelbildern nicht unbedingt immer materialadäquate Aufbereitungen der Bildträger vorgenommen wurden.

Affordanz und Agency des Materials

Die Affordanz der Dinge bezeichnet ihre Fakultäten, zu bestimmten Handlungen aufzufordern, sie nahezulegen oder gar zu erzwingen.26 Auch das Material selbst verfügt über Affordanz, was sowohl die Herstellung von Dingen aus den verschiedenen Holzarten als auch den Umgang mit Holzobjekten anbetrifft. So haben etwa Holz als Material bzw. unterschiedliche Holzarten spezielle Auswirkungen auf Handlungen und Handlungsmuster bis hin zur Generierung von Verhaltensregeln. Die Brenneigenschaften von Holz sind grundsätzlich positiv besetzt, weil sie als Wärmepotenzial sowohl für die künstliche mikroklimatische Veränderung als auch bei der wärmeinduzierten Verarbeitung anderer Stoffe, von Kochen bis zur Metallverarbeitung seit prähistorischen Kulturen genutzt werden. Ebenso ist das Brandpotenzial von Holz auch in negativo anzusprechen: dieses führte und führt bis heute zu spezifischen Brandschutzregelungen in und um Holzgebäude und ist eine Mitursache für die „Versteinerung“ mittelalterlicher Städte in manchen Regionen.27

Das Objekt als Akteur bzw. die Frage nach einer Agency der Dinge beschäftigt zurzeit einen großen Teil kulturwissenschaftlicher Forschung. Mit Blick auf das Beispiel der Eigenschaften von Holz wäre daher zu fragen, welche Rolle die Materialität der Dinge spielt. Erfasst man „Agency“ als ein Potenzial des Agierens, wäre auch von der spezifischen Agency eines Materials zu sprechen. Dies reicht vom handwerklichen „Material-Wissen“ bis hin zu Zuschreibungen von medizinischen Heilwirkungen an hölzerne Substanzen.

Holz hat eine andere affektive Wirkung als beispielsweise Stein, wenn ihm ‚Wärme‘ nicht nur in physikalischer, sondern auch in gefühlsmäßiger Hinsicht zugeschrieben wird. Aufgrund eines auch hiermit zusammenhängenden appellativen Potenzials nehmen Objekte aus Holz eine andere Rolle in Interaktionen ein als Objekte aus Stein. Es wäre außerdem zu fragen, ob es für die Affordanz und die Agency des Materials eine Rolle spielt, dass Holz organischen Ursprungs ist, im Gegensatz zu seinen hauptsächlichen ‚Konkurrenten‘ (Stein und Metall oder Metalllegierungen). Ein mögliches Beispiel in diesem Zusammenhang ist die fortwährende Beliebtheit von ‚Holzstuben‘ als Sinnbild für Behaglichkeit und Wärme: Während im Mittelalter den massiven Ausdämmungen von Holzstuben tatsächlich isolierende Wirkung zugesprochen werden darf, ist diese Wirkung im physikalischen Sinne bei dünnen Vertäfelungen, wie sie in Verbindung mit größeren Fensteröffnungen seit der Zeit um 1500 vorherrschen, in Frage zu stellen.28 Möglicherweise sind hier die Erwartungshaltung und die affektive Wirkung von Holz in Verbindung mit Optik und Geruch mehr „wärmend“ als der tatsächliche Isolierungseffekt.

Materialwertigkeit

Dinge besitzen keinen Wert an sich, sondern ihr Wert entsteht durch Be-Wertung.29 Diese kann ökonomisch basiert sein und an Angebot und Nachfrage gebunden sein. Wie bereits im Abschnitt „Ressourcen“ ausgeführt, ist auch dies kulturell gerahmt: Angebote können künstlich reduziert werden, um Dinge und Materialien exklusiver werden zu lassen. Umgekehrt ist die Nachfrage eben auch durch soziokulturelle Prozesse gesteuert, wie der aktuell gebräuchliche Begriff des ‚Musthave‘ in den (sozialen) Medien eindrücklich vermittelt. Materialwertigkeiten lassen sich darüber hinaus auch in der Metaphorisierung von spezifischen Eigenschaften identifizieren: Im Johannesevangelium steht im Gleichnis des Weinstocks die aus der Verbindung mit dem Weinstock resultierende Fruchtbarkeit der Rebe als Symbol für die geistige Verbindung der Jünger zu Christus. Die verdorrte Rebe ist hingegen zu nichts nütze und kann nur noch in das Feuer geworfen werden (Joh 15,1–8). Umgekehrt wird im Buch Ezechiel des Holz des Weinstocks als für die Herstellung von Geräten unbrauchbar und somit nur als Feuerholz tauglich abqualifiziert, um mit diesem Gleichnis die ‚untreuen‘ Bewohner Jerusalems vor Gottes Rache zu warnen (Ez 15, 1–8). Zwar lässt der Kontext spezifische Eigenschaften einmal deutlich, ein anderes Mal weniger deutlich hervortreten, bei häufigerem metaphorischem Gebrauch oder in der Rezeption beispielsweise in Sprichwörtern lassen sich jedoch durchaus Bewertungen über den Einzelfall hinaus ablesen.

Einen anderen Zugang zur Kontextualisierung und kulturwissenschaftlichen Analyse von Materialwertigkeiten bietet das Konzept der Intermaterialität: Der Begriff bezeichnet die intentionale In-Beziehung-Setzung unterschiedlicher Stoffe, sei es direkt an den Artefakten, oder im diskursiven Kontext in Text und Bild. Dies geht weit über den Aspekt von Verbundstoffen oder den aus ergologischen Notwendigkeiten resultierenden Kombinationen verschiedener Werkstoffe an einem Gerät hinaus: Durch den Vergleich unterschiedlicher Materialien werden Eigenschaften relational bestimmt und somit erst zum Charakteristikum bestimmter Stoffe: Stein ist haltbarer als Holz, Lindenholz leichter zu schnitzen als Eiche etc. Darauf aufbauend wurden derartige ‚Beziehungsnetzwerke‘ von Materialeigenschaften in vielerlei Hinsicht historisch diskursiviert: Dies reicht von ‚Nützlichkeits‘-Bewertungen in frühen Handwerks- und Kunsttraktaten bis hin zu Materialhierarchien,30 wie sie sowohl in kunsttheoretischer Literatur der italienischen Renaissance in Bezug auf die Wertigkeiten von Werkstoffen für die Herstellung von Plastiken bis hin zur Kanonisierung von Werkstoffen und damit verbundener Lenkung von Künstlerkarrieren, wie sie im Beitrag von Marthe Kretzschmar am Beispiel der 1648 in Paris gegründeten Académie royale de Peinture et de Sculpture zum Ausdruck kommt. Kretzschmar zeigt aber auch, dass Diskursivierung und soziale Praxis nicht zwingend gleichläufig sein müssen und trotz aller Vorliebe für Stein und Bronze in der Bildhauerkunst der Renaissance und des Barocks die tatsächlichen Kooperationen zwischen Spezialisten verschiedener Werkstoffe wie auch die Werkstoff-Vorlieben bestimmter Künstler bzw. Auftraggeber breit streuen können.

Die Diskursivierung von Materialien spielt spätestens mit dem verstärkten Auftreten mimetischer Effekte in der spätmittelalterlichen Bildkunst eine immer bedeutendere Rolle, ohne dass daraus generalisierende Aussagen möglich sind: Die Darstellung von gemaserten Holzoberflächen in Innenraumdarstellungen oder an Einzelmöbeln kann den Zweck der affektiven Einbeziehung beispielsweise biblischer Erzählungen in die Jetztzeit der spätmittelalterlichen RezipientInnen intendiert haben; die Darstellung von hölzernen Tischoberflächen in Hamburger Ratsszenen des späten 15. Jahrhunderts kann jedoch auch, wie Jens Kremb in seinem Beitrag zeigt, gerade in Bezug zu anderen Szenen mit gedeckten Tischen bzw. bemalten Tischplatten auch Ausdruck einer hierarchischen Wertigkeit der jeweiligen Ratssitzung sein. Dementsprechend können die Deutungsmöglichkeiten von Holzsichtigkeit von der Visualisierung von Armut, Einfachheit oder Bescheidenheit bis hin zu Luxus und Exklusivität – wenn beispielsweise hochwertige Holzarten wie Nussbaum mimetisch wiedergegeben werden – reichen.

Materialimitationen oder Materialverschleierungen

Sowohl in der Architektur- als auch in der Kunstgeschichte wird man mit Materialimitationen unterschiedlichster Funktionalitäten konfrontiert, die ihre Counterparts sowohl in Phänomenen der Materialhervorhebung als auch in jeglicher Verunklärung der Materialverwendung haben. Der Befund ist, dass auf einem Holzträger eine andere Materialität simuliert oder illusioniert werden kann, wie dies beispielsweise in den Marmorierungen an bemalten Tischplatten im Beitrag von Jens Kremb deutlich wird, während umgekehrt andere Materialoberflächen Holzstrukturen imitieren können. Diese Strategien sind auch im Zusammenhang von architektur- und kunsttheoretischen Konzepten zu analysieren. In manchen Kontexten wird Holz als Werkstoff am Objekt „ausgeblendet“, innerhalb der gleichen Verwendung unter Umständen dann wieder hervorgehoben, wie etwa die „Holzsichtigkeit“ von Schnitzretabeln. Welche Konsequenzen hat es für Zuschreibungen an den Werkstoff Holz, dass er oft als „Trägermedium“ für eine andere materielle Haut dient (Holzkerne von Reliquienschreinen, grundierte Bildtafeln)? Muss, um abermals Jens Kremb zu zitieren, ein Werkstoff sichtbar sein, um „Wertigkeit“ zu entwickeln, ja, um letztendlich auch Wirkung zu erzielen?

Ausblick

Dies sind Fragen, deren Beantwortung den Dialog zwischen Material- und Kulturwissenschaften braucht, um adäquate Annäherungen an den historischen Umgang mit dem Werkstoff zwischen ‚materialgerechtem‘ Gebrauch und kulturell gebundener Bewertung und Diskursivierung zu ermöglichen. Denn beide Pole der Betrachtungsweise sind, wie die Beiträge zeigen, unmittelbar miteinander verbunden und aufeinander bezogen: Gebrauch und Bedeutung stellen weder Einbahnstraßen „vom Gebrauch zur Bedeutung“ dar noch sind sie kulturell stabil. Erst differenzierte Detailstudien ermöglichen es, auf valider Basis zu vergleichenden Aussagen über Mensch-Material-Beziehungen zu kommen und somit „materialities“ als interdisziplinäre Forschungsperspektive fruchtbar zu machen.

Abbildungsnachweis Titelbild

Josef als Zimmermann
Robert Campin, Mérode-Triptychon (1425-1430); rechter Flügel (Ausschnitt)
Metropolitan Museum (NY), The Cloisters Collection
Foto: Wikimedia

Fußnoten

  1. Unter „kultureller Arbeit“ verstehen wir die Gesamtheit aller Energien, Motivationen, Anstrengungen, Investitionen und Produktionen, die in kulturelle Handlungen und die mit ihnen verbundenen Artefakte münden.
  2. Hahn 2005, S. 11.
  3. Miller 1987; siehe dazu auch Hahn 2005, S. 11.
  4. Der Umstand, dass die Begriffe „material turn “ und „object turn“ in der Forschung teilweise synonym, teilweise aber auch differenzierend gebraucht werden, ist symptomatisch für eine gewisse Unentschiedenheit, wo und wie das Materielle der Materiellen Kultur zu verorten ist.
  5. „Der Krug ist ein Ding weder im Sinne der römisch gemeinten res, noch im Sinne des mittelalterlich vorgestellten ens, noch gar im Sinne des neuzeitlich vorgestellten Gegenstandes. Der Krug ist ein Ding, insofern er dingt. Aus dem Dingen des Dinges ereignet sich und bestimmt sich auch erst das Anwesen des Anwesenden von der Art des Kruges.“ Heidegger 1954, S. 157-180, hier S. 170.
  6. „So denkend sind wir vom Ding als dem Ding gerufen. Wir sind – im strengen Sinne des Wortes – die Be-Dingten.“ Heidegger 1954, S. 173.
  7. Stellvertretend für die inzwischen unübersichtliche Literatur zur Akteur-Netzwerk-Theorie sei Latour 2005 genannt. Die in den Sozialwissenschaften entwickelte Theorie hat sich inzwischen in allen mit materieller Kultur befassten Disziplinen etabliert.
  8. Vgl. Heidegger 1954, S. 164.
  9. Heidegger 1954, S. 160f., Zitat S. 160: „Der Krug ist ein Ding als Gefäß. Zwar bedarf dieses Fassende einer Herstellung. Aber die Hergestelltheit durch den Töpfer macht keineswegs dasjenige aus, was dem Krug eignet, insofern er als Krug ist.“
  10. Mit dem Fokus auf Majolika vgl. Lechner 1977–78, hier: S. 94.
  11. „Auf altdeutschen Bildern ist auch oft neben die Jungfrau ein Glas mit einem Lilienstängel gestellt, so dass man durch das Glas Stiel und Blätter sehen kann, ein Sinnbild, das sich auch in dem durch Glas, ohne dasselbe zu verletzen, dringenden Sonnenstrahl wiederholt und die unverletzte Jungfernschaft bedeuten soll.“ Menzel 1854, S. 31. Dies gilt auch im weiteren Sinne für die umfangreiche Gruppe der Glas- und Bergkristallreliquiare deren Durchsichtigkeit nicht nur die Authentifizierung und Zurschaustellung der Reliquien ermöglichte (vgl. Röber 2015, S. 220), sondern auch für die seelische Unversehrtheit des Körpers des/der Heiligen stehen konnte, vgl. Tammen 2016, S. 346 f. Selbst in protestantischen Predigten des 16. Jahrhunderts konnte die Durchsichtigkeit des Werkstoffes Glas noch für die Tugendhaftigkeit der wahren Christenmenschen stehen: siehe Mathesius 1562, S. 265 f.
  12. Siehe beispielsweise das Gemälde „Der zerbrochene Krug“ von Jean Baptiste Greuze von 1723 im Louvre, bis hin zu der etwas anders interpretierten Motivik in Heinrich von Kleists gleichnamiger Komödie von 1808.
  13. Genz/Gévaudan 2016, S. 62.
  14. Genz/Gévaudan 2016, S. 68.
  15. Boehm 1999, S. 170. Das Bild selbst ist nach Boehm kein Medium.
  16. Siehe dazu u.a. Kienlin (Hg.) 2005.
  17. Siehe u.a. Raff 1994; Wagner 2001.
  18. Beuys erklärte dies explizit mit einer Individuallegende, nach der Krimtartaren ihm nach einem Flugzeugsabschuss im Jahr 1944 mit eben diesen Materialien das Leben gerettet hätten. Siehe dazu Wagner 2002, S. 205f.
  19. Zum Begriff der Affordanz siehe Panagiotópoulos/Tsouparopoulou/Fox 2015.
  20. Siehe dazu auch die Beschreibung auf der Webseite des IMAREAL.
  21. Siehe dazu weiterführend Hahn (Hg.) 2015a.
  22. 1. Mose/Gen. 6,14.
  23. Siehe Thomas Aquinatis in Duodecim Libros Metaphysicorum Aristotelis Expositio, Lib. 1, lect. 1 (c1) n25/26, hier zitiert in der Übersetzung nach Senger 1994, S. 212; ausführlich diskutiert bei Senger 1994 und Schlie 2007, S. 277–279.
  24. Auch in Thomasins von Zerclaere „Welschem Gast“ wird dieser Vergleich mit dem mittelhochdeutschen Begriff des zimberman auf die Autorentätigkeit gezogen: Doch ist der ein guot zimberman, / der in sînem werke kann / stein und holz legen wol, / dâ erz von rehte legen sol. / Daz ist untugende niht, / ob ouch mir lîhte geschiht, // daz ich in mîns getihtes want / ein holz, daz ein ander hant / gemeistert habe, lege mit list, / daz ez gelîch den andern ist. (Thomasin, Welscher Gast V. 105-114, zitiert nach Rückert (Hg.) 1965 bzw. MHDBDB). Für diesen Hinweis möchten wir uns bei Gabriele Schichta herzlich bedanken.
  25. Zum Begriff siehe Kohl 2003.
  26. Genz/Gévaudan 2016, S. 62.
  27. Siehe dazu u.a. Charruadas/Sosnowska 2012.
  28. Zur technischen Entwicklung von holzverkleideten Stuben siehe Reichhalter 2006.
  29. Siehe dazu u.a. Hahn 2015b.
  30. Zum Begriff siehe Raff 1994, S. 77.

Bibliografie

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