Ein Gespräch mit Elisabeth Vavra

Foto: Peter Böttcher/IMAREAL.

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Isabella Nicka
Kontakt: isabella.nicka@sbg.ac.at
Website: http://www.imareal.sbg.ac.at/home/team/isabella-nicka/
Institution: Universität Salzburg, Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit
Erstveröffentlichung: November 2019
Lizenz: Sofern nicht anders angegeben Creative Commons License
Medienlizenzen: Medienrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, bei den Autoren.
Letzte Überprüfung aller Verweise : 06.11.2019
Empfohlene Zitierweise: Nicka, Isabella: Der Blick auf die Dinge: Zur Rolle von Ausstellungen und Digital Humanities für das IMAREAL. Ein Gespräch mit Elisabeth Vavra, in: MEMO 5 (2019): Perspektiven auf materielle Kultur, S. 38-42. Pdf-Format, doi: 10.25536/20190505.

Abstract

Elisabeth Vavra leitete von 2003 bis 2014 das Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Krems. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin war die Kunsthistorikerin aber bereits seit 1976 an diesem Institut tätig. Im Interview erläutert sie die Bedeutung der Mittelalter-Ausstellungen in Krems/Stein in den späten 1950er und 1960er Jahren für die Gründung des IMAREAL und spricht über die Möglichkeiten, die die digitalen Geisteswissenschaften für die Forschungen zur materiellen Kultur in der Frühzeit des Instituts geboten haben.

Abstract (englisch)

From 2003 to 2014, Elisabeth Vavra was director of the Institute for Medieval and Early Modern Material Culture in Krems. The art historian, however, had already been working as a research assistant at this institute since 1976. In an interview, she explains the importance of medieval exhibitions in Krems/Stein in the late 1950s and 1960s for the founding of IMAREAL. She also talks about how digital humanities fostered new research approaches in the early days of the institute.

 Klar vorgezeichnet waren von Anfang an die Aufgaben des IMAREAL: Sammeln, Dokumentieren, Auswerten.

Abb. 1: Institutsdirektorin Elisabeth Vavra enthüllt gemeinsam mit dem damaligen Rektor der Universität Salzburg, Heinrich Schmidinger, die neue Tafel des Instituts für Realienkunde, das seit 2012 Teil der Universität Salzburg ist. Foto: Peter Böttcher/IMAREAL.

Wer sich heute über langsames Internet oder unzureichende Recherchemöglichkeiten zu dargestellten Elementen auf historischen Bildern echauffiert, vergisst allzu gern, welchen Herausforderungen Wissenschafter*innen noch vor einigen Jahrzehnten gegenüberstanden. Das 50-Jahr-Jubiläum des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL) ist insofern ein willkommener Anlass, sich die Rahmenbedingungen von Forschungen zur materiellen Kultur in der Frühzeit des Instituts vor Augen zu führen.

Elisabeth Vavra hat das IMAREAL elf Jahre lang geleitet und war insgesamt 38 Jahre als Kunsthistorikerin am Kremser Institut tätig. In ihren Forschungen zu bildlich dargestellten Dingen – von der Kleidung bis zum Weinstock – untersuchte sie auch historische Konstellationen, soziale Aspekte und kulturgeschichtliche Zusammenhänge. Die Ergebnisse dieser Analysen hat Elisabeth Vavra oftmals im Rahmen von Ausstellungen präsentiert. Sie war zudem maßgeblich an der Initiierung, Konzeption und Weiterentwicklung vieler Digital Humanities-Projekte am IMAREAL beteiligt.

Im Gespräch gibt Elisabeth Vavra einen Einblick in die Zeit der Lochkarten, deren Verwendung in den 1970er Jahren im Bereich der Kulturwissenschaften alles andere als selbstverständlich waren. Wie konzipiert man Wissenssammlungen, die unterschiedliche Arten von Quellen dokumentieren und für Auswertungen im Rahmen von Forschungen zur materiellen Kultur erschließen – noch dazu, wenn auf keine Vorbilder dafür zurückgegriffen werden kann, die Orientierung bieten würden? Gerade heute, da neue Technologien in der Computer Vision, der Wechsel von relationalen Datenbanken zu graphenbasierten Datenmodellierungen oder die Potenziale des Semantic Web einen erneuten Einschnitt in den digitalen Geisteswissenschaften mit sich bringen, ist es sinnvoll sich in Erinnerung zu rufen, wer die Basis für gegenwärtige Bestrebungen gelegt hat.

Damit gilt es auch jene zu benennen, die 1969 gemeinsam beschlossen haben, ein Institut für mittelalterliche Realienkunde Österreichs (so der erste Name des Instituts) zu gründen: Das Land Niederösterreich, die Stadt Krems und die Österreichische Akademie der Wissenschaften (1969–2012, seit 2012 ist anstelle der ÖAW die Universität Salzburg dritte Trägerorganisation). Einen entscheidenden Impuls dafür gab das rege Interesse, das Ausstellungen zum Mittelalter in Krems/Stein entgegengebracht wurde, wie Elisabeth Vavra im Interview berichtet.

Welche Bedeutung hatte in der Frühzeit des Instituts für Realienkunde die Vermittlungstätigkeit im Rahmen von Ausstellungen für die Forschungen am Institut und dafür, wie dieselben wahrgenommen wurden?

Vielleicht wäre es nie zu der Gründung eines Instituts für Realienkunde gekommen, hätte nicht in den 60er Jahren der Ausstellungsboom begonnen. Maßgeblich waren allerdings nicht die Niederösterreichischen Landesausstellungen,1 die seit 1960 stattfanden, sondern von der Stadt Krems getragene Ausstellungen: Es begann 1959 mit „Gotik in Niederösterreich“ in der Minoritenkirche zu Stein.

Abb. 2: Die Ausstellung „Romanische Kunst in Österreich“ fand in der Minoritenkirche in Krems/Stein statt. Das Foto von 1964 zeigt die Exponate im Chor, dahinter sind nur noch als dunkle Masse eine Vielzahl von Besucher*innen zu erkennen, die im Langschiff dicht gedrängt der Eröffnung beiwohnen. Die Ausstellung verzeichnete insgesamt über 150.000 Besucher*innen. Foto: Kulturamt Krems.

Fünf Jahre später folgte „Romanische Kunst in Österreich“ und schließlich 1967 „Gotik in Österreich“, die man als Initialzündung für den Aufbau des Instituts bezeichnen könnte, und dies in zweierlei Hinsicht: Der Gewinn, den die Ausstellung erzielte, bildete die materielle Basis für den Start, und Harry Kühnel zeigte in seinem Katalogbeitrag „Die materielle Kultur des Spätmittelalters im Spiegel der zeitgenössischen Ikonographie“ anhand der präsentierten Kunstwerke, welche Erkenntnisse zur Alltagskultur man aus diesen gewinnen kann. Er interpretierte die auf den Gemälden dargestellten „Realien“ in Hinblick auf ihre Aussagen zum Lebenslauf des mittelalterlichen Menschen und zu dessen Lebenswelt. Parallel zu dieser Publikation veröffentlichte er im „Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich“ einen Aufsatz, in dem er Methode und Arbeitsweise des geplanten Instituts beschrieb.2 Die durch die Ausstellungen bestehenden engen Beziehungen zur Österreichischen Galerie Belvedere ermöglichten dem neu gegründeten Institut bereits ab November 1969 seine Arbeitsweise der breiten Öffentlichkeit in der Orangerie des Unteren Belvederes zu demonstrieren: „Die Ausstellung soll dem Besucher zeigen, wie die Geräte des Alltags im Mittelalter ausgesehen und wie sich die Menschen dieser Zeit bei Arbeit und Fest verhalten haben,“ so im Katalog der Sonderausstellung „Alltag und Fest im Mittelalter“.3 Ergänzt wurde der Bestand an Tafelbildern durch Originalobjekte aus verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen.

Das Institut hat sehr früh damit begonnen, Digital Humanities-Projekte avant la lettre zu entwickeln – u.a. im Rahmen des Pionierprojekts, der Bilddatenbank (die heute als REALonline im Internet frei zugänglich ist), und bei der Erfassung und quantitativen Auswertung von seriellen Massenquellen wie Inventaren, Testamenten etc. Wie und wo konnte das Know-how dafür erworben werden und wie gestaltete sich das Arbeiten mit noch nicht gefestigten und erprobten Prozessen bzw. mit – aus heutiger Sicht – viel aufwendigeren Methoden z.B. im Zusammenhang mit der Bilddatenbank des Instituts für Realienkunde?

Abb. 3: Lochkarte zur Erhebung von Daten in der Bilddatenbank des Instituts für Realienkunde. Foto: Peter Böttcher/IMAREAL.

Klar vorgezeichnet waren von Anfang an die Aufgaben, die das Institut zu erfüllen hatte: Sammeln, Dokumentieren und Auswerten von Bild- und Schriftquellen in Hinblick auf ihre Aussagen zur Realienkunde. Da in den 70er Jahren selbst Kunsthistoriker*innen sich bei ihrer Arbeit meist noch mit SW-Fotos behelfen mussten, Farben aber unverzichtbare Aussagequalitäten besitzen, wurden die Bildquellen durch das Institut neu aufgenommen. Eine wichtige Rolle spielten dabei auch Detailaufnahmen der dargestellten Objekte. Dies geschah zu dieser Zeit natürlich noch analog. Da man sich bei der wissenschaftlichen Auswertung nicht auf die Untersuchung einzelner Fallbeispiele beschränken wollte, stellte sich schon früh die Frage, wie man diese Aufgabe bewältigen könnte. Die Anlage von Schlagwortzettelkästen war eine Möglichkeit, allerdings lassen sich auf diese Weise keine Relationen herstellen. Ein nächster Versuch testete die Verwendbarkeit von Sichtlochkarten, die jeweils ein „Merkmal“ repräsentierten.

Auch dieses System stellte sich bald aufgrund der Fülle des zu verarbeitenden Materials als impraktikabel heraus. Zielführend erschien nur der Einsatz von EDV, die allerdings damals im Bereich der Geisteswissenschaften noch in den Kinderschuhen steckte. Alle zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Programme arbeiteten mit „Codes“ – Zahlengruppen, die einen bestimmten Sachverhalt symbolisierten. Sie täuschten damit eine Eindeutigkeit vor, die im Fall der durch das Institut zu bearbeitenden Quellen nicht gegeben war. Das Institut entwickelte daher gemeinsam mit Manfred Thaller (damals wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen) ein eigenes Programm: „Descriptor“,4 das erste Programmsystem zur computerunterstützten Auswertung von Bildquellen, das die Verwendung einer beliebigen Anzahl sprachlicher Termini ermöglichte, keine wie immer geartete Zeichenbeschränkung auferlegte und schließlich relationale Abfragen ermöglichte.5 Die damals entwickelte Datenstruktur steht bis heute hinter der Bilddatenbank REALonline.6 Allerdings war die praktische Arbeit damals mehr als kompliziert: Die Beschreibungen wurden zunächst handschriftlich zeilenweise auf Formularen eingetragen. Dann wurde jede dieser Zeilen mittels eines Lochkartenstanzers auf eine Lochkarte übertragen. Die Lochkarten wurden im Rechenzentrum der TU in Wien zunächst eingelesen, der Ausdruck auf Tippfehler kontrolliert und schließlich mit „Descriptor“ für Auswertungen aufbereitet.

Abb. 4: Der erste Datensatz der Bilddatenbank des Instituts für Realienkunde erschließt die vielfigurige Kreuzigung Christi von den gemalten Rückseiten des Sierndorf-Retabels (sog. Verduner Altar) mit all ihren Details. Chorherrenstift Klosterneuburg, um 1331, REALonline 000000. Foto: Peter Böttcher/IMAREAL.

Annotation ist in den Digital Humanities in unterschiedlichen Zusammenhängen ein wichtiges Schlagwort. Was bedeutete es für die Arbeit an REALonline, ein Datenmodell und ein Konzept für das Annotieren der Bildinhalte von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bildern zu einem Zeitpunkt zu entwickeln, als wichtige Klassifikationssysteme und Ontologien auf diesem Gebiet entweder ebenfalls erst im Aufbau begriffen – wie etwa ICONCLASS oder der Garnier’sche Thesaurus iconographique7 – oder nur schwer zugänglich waren – wie etwa der Princeton Index of Medieval Art (vormals Index of Christian Art)?

Überlegungen, die in den ersten Jahren angestellt wurden, gingen zunächst auch in Richtung der Entwicklung eines Klassifikationssystems, das auf der Vergabe von Codes (Nummern- und Buchstabenkombinationen) basierte. Der gemeinsam mit IBM entwickelte Thesaurus, der die Basis für die Beschreibung der Bildquellen bilden sollte, erreichte bereits nach kurzer Zeit eine derartige Dimension, dass seine Anwendung nicht praktikabel war – und das bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem er noch lange nicht alle notwendigen Inhalte abdeckte. Seine Verwendung hätte die Anfertigung der Beschreibung deutlich verlangsamt. Die Entwicklung des Datenbanksystems „Descriptor“, die genau auf die besonderen Bedürfnisse des Instituts zugeschnitten war, ermöglichte es, den umgekehrten Weg zu gehen: Mit Hilfe von Häufigkeitsabfragen wurden laufend die verwendeten Termini analysiert. Diese Abfragen dienten einerseits der laufenden Kontrolle, andererseits entstanden daraus die Thesauri. Im Gegensatz zu den anderen Klassifikationssystemen gestattete „Descriptor“ – später zu „Kleio“8 weiterentwickelt – zu jedem Zeitpunkt eine beliebige Erweiterung der verwendeten Deskriptoren. Die Beschreibungen sind auch nicht an bestimmte „Längen“ gebunden und kommen so der sehr unterschiedlichen Komplexität der Bildquellen entgegen: Manche Bildquellen zeigen nur wenige Objekte und Personen, andere weisen hunderte solcher Elemente auf.

Ein weiterer Vorteil des Systems war und ist die Möglichkeit, Sachverhalte, die nur unscharf beschrieben werden können, auch so zu erfassen. Der hierarchische Aufbau der Beschreibungen ermöglichte die Konstruktion von Relationen zwischen den einzelnen Kategorien, die den Bildinhalt jeweils erfassen. Auch diese Möglichkeit boten andere Klassifizierungssysteme zu dieser Zeit (noch) nicht.

Fußnoten

  1. Als erste niederösterreichische Landesausstellung gilt „Barock in Österreich: Jakob Prandtauer und sein Kunstkreis“, die 1960 im Stift Melk stattfand, vgl. Wonisch, Regina: Niederösterreichische Landesausstellungen. Zum Funktionswandel eines Rituals. In: Kühschelm, Oliver (Hg.) u.a.: Niederösterreich im 20. Jahrhundert. Band 3: Kultur. Wien 2008, S. 270, mit einer Liste der niederösterreichischen Landesausstellungen im Anhang.
  2. Kühnel, Harry: Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit: Versuch einer Darstellung – Erfordernis der Gegenwart. In: Festschrift zum 70. Geburtstag von Karl Lechner, Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich, NF 37 (1967), S. 215-247. Zum Konzept Realienkunde siehe das Interview mit Helmut Hundsbichler.
  3. Alltag und Fest im Mittelalter: gotische Kunstwerke als Bilddokumente. Ausstellung in der Orangerie des Unteren Belvederes, 14. Nov. 1969 bis 15. November 1970. Gemeinsam veranst. von der Österreichischen Galerie und dem Institut für Mittelalterliche Realienkunde Österreichs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wechselausstellung der Österreichischen Galerie Belvedere, Wien 63. Wien 1969, S. 5.
  4. Thaller, Manfred: Descriptor: Probleme der Entwicklung eines Programmsystems zur computerunterstützten Auswertung mittelalterlicher Bildquellen. In: Europäische Sachkultur des Mittelalters (Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs Bd. 4 / Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse 374), Wien 1980, S. 167-194.
  5. Zur Bedeutung der Bilddatenbank für die Internationalisierung des Instituts siehe das Interview von Gerhard Jaritz.
  6. Nähere Informationen zur jüngsten Revision und Erweiterung der Bilddatenbank REALonline von 2013 bis 2017 bieten folgende Publikationen: Matschinegg, Ingrid/Nicka, Isabella: REALonline Enhanced. Die neuen Funktionalitäten und Features der Forschungsbilddatenbank des IMAREAL, in MEMO 2 (2018): Digital Humanities & Materielle Kultur, S. 10–32. Pdf-Format, online; Matschinegg, Ingrid/ Nicka, Isabella/Hafner, Clemens/Stettner, Martin/Zedlacher, Stefan: Daten neu verknoten. Die Verwendung einer Graphdatenbank für die Bilddatenbank REALonline, in: DARIAH-DE Working Papers 31 (2019), hrsg. von Mirjam Blümm u.a., S. 1-36. Pdf-Format, online.
  7. Garnier, François: Thésaurus iconographique, système descriptif des représentations. Paris 1984.
  8. Thaller, Manfred: KLEIO. Ein Datenbanksystem (Halbgraue Reihe zur historischen Fachinformatik B1), St. Katharinen 1989.