Ein Gespräch mit Helmut Hundsbichler

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Thomas Kühtreiber
Kontakt: thomas.kuehtreiber@sbg.ac.at
Website: http://www.imareal.sbg.ac.at/home/team/thomas-kuehtreiber/
Institution: Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Krems (A)
GND: 122049292
Erstveröffentlichung: November 2019
Lizenz: Sofern nicht anders angegeben Creative Commons License
Medienlizenzen: Medienrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, bei den Autoren.
Letzte Überprüfung aller Verweise : 06.11.2019
Empfohlene Zitierweise: Kühtreiber, Thomas: Die Entwicklung des Konzepts „Realienkunde“ am IMAREAL. Ein Gespräch mit Helmut Hundsbichler, in: MEMO 5 (2019): Perspektiven auf materielle Kultur, S. 1-4. Pdf-Format, doi: 10.25536/20190501.

Abstract

Helmut Hundsbichler war als Historiker und Klassischer Philologe von 1973 bis 2011 am IMAREAL beschäftigt. Im Interview legt er seine Sichtweise zur Entwicklung des Konzepts „Realienkunde“ in den ersten vier Jahrzehnten der Institutsgeschichte im Wechselspiel mit der internationalen kulturgeschichtlichen Forschung dar. Des Weiteren werden von ihm die spezifischen Zugänge der Gründergeneration zur Interdisziplinarität am IMAREAL erörtert.

Abstract (englisch)

Helmut Hundsbichler worked as a historian and classical philologist at IMAREAL from 1973 to 2011. In this interview he describes how the concept of material culture studies termed “Realienkunde” in German was being developed at the Institute during its first four decades and how this correlated with international cultural historical research. Furthermore, he explains the founding generation’s specific approaches to interdisciplinarity and how it was being practised at IMAREAL.

Der Begriff Realienkunde umreißt einerseits den Forschungsgegenstand – eben die Realien – und andererseits den methodischen Anspruch eines „kundigen“ Umgangs mit ihnen.

Porträt Helmut Hundsbichler

Abb. 1: Porträt Helmut Hundsbichler. Foto: Marlitt Hundsbichler.

Helmut Hundsbichler studierte Geschichte und Klassische Philologie an der Universität Graz und war von 1973 bis 2011 Mitarbeiter am IMAREAL. Während in den ersten Jahren sein Forschungsschwerpunkt auf der realienkundlichen Analyse spätmittelalterlicher Schriftquellen, insbesondere von Reiseberichten, lag, wandte er sich ab den 1980er Jahren der theoretischen Fundierung der Realienkunde zu. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang seine Überlegungen zu Realitätskonzepten auf doppelter Ebene: Die Re-Konstruktion von historischen Realitäten durch Geschichtsforschung, insbesondere unter Einbeziehung der Sachkultur, sowie die Konstruktion von heutiger Realität durch die Reflexion von Geschichte. Damit erwies sich Helmut Hundsbichler als wichtiger Impulsgeber für das breite Forschungsfeld der Cultural Studies bis hin zur Historischen Anthropologie.

Ein zweites Themenfeld, in das sich der Gesprächspartner in mehreren zentralen Beiträgen einbrachte, ist die Interdisziplinarität. Der Diskurs über das „richtige“ Miteinander von Disziplinen und fachspezifischen Kompetenzen nahm ebenfalls ab den 1980er Jahren als Gegenreaktion auf die immer stärkere Zersplitterung der Wissenschaften an Fahrt auf und spielt seither auch in der Forschungspolitik eine gewichtige Rolle. Das IMAREAL wurde explizit als interdisziplinär forschende Einrichtung gegründet und nahm im Bereich der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften auch hier eine Vorreiterrolle ein. Helmut Hundsbichler vertritt sowohl in seinen Artikeln als auch hier im Gespräch einen kontroversiell diskutierten Standpunkt: Demnach ist Interdisziplinarität keine Frage des fächerübergreifenden „Teamworks“, sondern der im eigenen Kopf versammelten Kompetenzen. Dieser Ansatz entstand folgerichtig in einer Forschungsperiode, in der Geisteswissenschafter*innen in der Regel mehr als nur ein Studium absolvierten und demnach auch die Grundkompetenzen für eine quellenübergreifende Herangehensweise mitbrachten. Sie ist aber auch Ausdruck einer von der Gründergeneration am IMAREAL gepflogenen Arbeitsweise, im Zuge derer mit großem Interesse und geringer Schwellenangst Fragen aus einer disziplinären Forschungsperspektive an „disziplinenfremde“ Quellengattungen gestellt wurden, wodurch mitunter auch der einengende Blick kanonisierter fachspezifischer Zugänge geöffnet wurde. Im folgenden Gespräch berichtet Helmut Hundsbichler, wie es zur Herausbildung dieser Zugänge und Konzepte aus seiner Sicht kam.

Wie kam es zur Nomenklatur „Realienkunde“ für das Institut? Wie war die Realienkunde zur Zeit der Institutsgründung in den historischen Fächern verortet?

Der Instituts-Initiator Harry Kühnel, selbst Historiker, lancierte 1967 zwei wohlfundierte Grundsatzartikel, in denen er die Zuwendung der Geschichtsforschung zu den ikonographisch überlieferten „Sachgütern des Mittelalters“ als „Erfordernis der Gegenwart“ postulierte.1 Sein Ansatzpunkt war die eklatante und teils noch über das Jahr 1900 heraufreichende Ausdünnung des Bestandes an mittelalterlichen Originalobjekten, die man durch Erfassung bildlich überlieferter „Realien“ kompensieren könne. Primäre Adressatin seiner Kampagne war also weder die Kunstgeschichte, noch die Archäologie (deren Mittelalter-Zweig damals längst noch nicht existierte), sondern die Historie. Die Argumentation stützte sich auf viele Beispiele und große Namen aus mehreren Jahrhunderten der deutschsprachigen Kulturgeschichte, und dadurch wurde in der Außenwahrnehmung des Instituts just der „antiquarische“ und zum damaligen Zeitpunkt auch schon antiquierte und diffuse Realienbegriff zum weithin gefeierten Schlüsselterminus für einen per se innovativen wissenschaftlichen Ansatz.

Aufgrund dieses Paradoxons (sowie aufgrund seiner Unübersetzbarkeit) ist der Terminus „Realienkunde“ ein absolutes Alleinstellungsmerkmal des Instituts geworden – und geblieben. Er umreißt einerseits den Forschungsgegenstand, eben die Realien (mit ihrem weiten kulturanthropologischen Umfeld), und impliziert andererseits den methodischen Anspruch, eben den „kundigen“ Umgang mit ihnen (= methodisch-theoretisch fundierte Dokumentation und Interpretation).

Aus heutiger Sicht war das Institut gerade in den frühen Jahren ein wesentlicher Impulsgeber in den historisch orientierten kulturwissenschaftlichen Forschungen. Welche methodischen und theoretischen Ansätze wurden am IMAREAL von der Gründung bis zu den 1980er Jahren rezipiert? Welche Konzepte wurden aktiv am Institut weiterentwickelt und hatten nachhaltige Wirkung am Institut, aber auch in der internationalen Forschung?

Abb. 2: Verschränkte Realitäten: Ehemaliges Trinkglas als Reliquiar mit Wachsversiegelung, Schluderns (Südtirol/Italien), Versiegelung 1521. REALonline Nr. 002920. Foto: Peter Böttcher/IMAREAL.

Der vielschichtige Tiefengehalt der ikonographischen Quellen hat methodisch-theoretisch von vornherein derart komplexe Sichtweisen und Ansprüche eingefordert, dass der pure Realienbegriff damit überfordert war. Denn schon von seiner Gründungs-Doktrin her ging das IMAREAL a priori jenen Weg, der international Jahrzehnte später als iconic turn propagiert werden sollte. Auf diesem Weg war das Institut weltweit einer der ersten geisteswissenschaftlichen EDV-Anwender in der Bildverarbeitung.2 Der internationale „Mittelalter-Boom“ legitimierte die Institutsarbeit nachhaltig und wurde von dieser seinerseits befeuert.

Die von der nouvelle histoire angeregten Diskussionen um Alltag(sleben) und Mentalität(en) brachten die Selbstfindung wie auch die Außenwirkung des Instituts entscheidend weiter, und zwar zunächst in Richtung historische Sozialwissenschaften. Und hierin war auch schon die gleitende Öffnung der späteren Institutsarbeit für kulturwissenschaftliche und historischanthropologische Perspektiven grundgelegt. Der cultural turn erfolgte insofern ohne „Kultur-Schock“. Und anstelle der Realien-Diskussion trat die viel wesentlichere Frage nach der historischen Realität.

Charakteristisch für die Entwicklung des IMAREAL ist seine Ausstrahlung in und seine Inspiration durch die internationale geisteswissenschaftliche Community. Methodisch-theoretisch hat das Institut stets strikt geschichtswissenschaftliche Ansprüche vertreten, aber gezeigt, dass mit diesen alle Fachrichtungen interdisziplinär kompatibel sind.

Das Konzept Realienkunde

Abb. 3: Das Konzept „Realienkunde“ und die Re-Konstruktion von Realitäten durch Geschichtsforschung. Konzept: Helmut Hundsbichler (1995).

Ein Forschungszugang, für den das IMAREAL sehr früh stand, ist „Interdisziplinarität“. Warum war das sinnvoll und welche Konzepte fanden in den frühen Jahren am IMAREAL Anwendung? Wie wurde interdisziplinäres Arbeiten am IMAREAL von der damaligen Forschung wahrgenommen und beurteilt?

Schon in seinen frühen Jahren war das Institut personell relativ großzügig aufgestellt. Dahinter stand das Kalkül, dass eine möglichst breite Streuung an hausintern vertretenen Fachdisziplinen die immense inhaltliche Breite an alltagsrelevanten Sachthemen und die implizite Pluralität von methodisch-theoretischen Anforderungen bestmöglich abdecken könne. Dieses multidisziplinäre Nebeneinander in der personellen Besetzung galt damals als Interdisziplinarität. Nach heutigen Begriffen ist korrekterweise allerdings eher die individuelle fächerübergreifende Kompetenz je Team-Mitglied als interdisziplinär zu bezeichnen, und mit dieser Einschränkung wurde Interdisziplinarität ehedem institutsintern praktiziert. Am Institut selbst hatte diese Konfiguration des Nebeneinanders von individuellen Klein-Interdisziplinaritäten übrigens kaum fächerübergreifende Diskurse zur Folge.

In der Außenwahrnehmung erlangte des IMAREAL hingegen, national wie international, den Ruf eines „interdisziplinären“ Instituts. Denn zu Zeiten, als kulturwissenschaftliche Mediävistik noch von isolierten Einzelkämpfern ohne nennenswerte Vernetzung betrieben wurde, war institutionalisierte Interdisziplinarität ein bahnbrechendes und vorbildliches Novum. Dadurch avancierte das IMAREAL zu einem weithin gesuchten Ankerpunkt und Diskussionspartner für die unterschiedlichsten Fachdisziplinen. Dies war der entscheidende Ansatzpunkt für die Rolle des Instituts als internationaler Player.

Fußnoten

  1. Kühnel, Harry: Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Versuch einer Darstellung – Erfordernis der Gegenwart. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 1967 (37) (= Festschrift für Karl Lechner zum 70. Geburtstag), S. 215–247; ders.: Die materielle Kultur des Spätmittelalters im Spiegel der zeitgenössischen Ikonographie. In: Kühnel, Harry (Hg.): Gotik in Österreich. Ausstellungskatalog Krems 1967, S. 7–36.
  2. Zur Rolle der digitalen Bilderschließung am IMAREAL siehe das Interview mit Elisabeth Vavra, zur frühen IT-Ausstattung des Instituts am IMAREAL siehe auch das Interview mit Gerhard Jaritz.