Ein Gespräch mit Christina Antenhofer

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Elisabeth Gruber
Kontakt: elisabeth.gruber2@sbg.ac.at
Website: http://www.imareal.sbg.ac.at/home/team/elisabeth-gruber/
Institution: Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit | IZMF Universität Salzburg
GND: 136884636
Gabriele Schichta
Kontakt: gabriele.schichta@sbg.ac.at
Website: http://www.imareal.sbg.ac.at/home/team/gabriele-schichta/
Institution: Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit | IZMF Universität Salzburg
GND: 112779549X
Erstveröffentlichung: Dezember 2018
Lizenz: Sofern nicht anders angegeben Creative Commons License
Medienlizenzen: Medienrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, bei den Autoren.
Letzte Überprüfung aller Verweise : 21.12.2018
Empfohlene Zitierweise: Gruber, Elisabeth/Schichta, Gabriele: Von Truhen und Schätzen. Ein Gespräch mit Christina Antenhofer, in MEMO 3 (2018): Object Links, S. 1–10. Pdf-Format, doi: 10.25536/20180301.
Übersicht Abbildungen

Abstract

Elisabeth Gruber und Gabriele Schichta sprachen mit Christina Antenhofer über ihr Interesse an den Dingen, über mögliche Schnittstellen zwischen Geschichtswissenschaften und Materialität und darüber, welche Rolle die Schriftlichkeit dabei spielt. Sie hat im Rahmen ihrer Habilitationsschrift entlang der deutsch-italienischen fürstlichen Eheverbindungen des 14. und 15. Jahrhunderts die Beziehungen zwischen den Dingen und den Menschen in den Blick genommen – und dabei ein Auge auf die Brauttruhen geworfen.

Abstract (englisch)

Elisabeth Gruber and Gabriele Schichta met with Christina Antenhofer to talk about her interest in things, about possible interfaces between historical sciences and materiality, and about the role of written documentation. In her recent research project, she focussed on the relationship between things and people along the lines of German-Italian princely marriages of the 14th and 15th centuries, with a special interest in bridal chests.

Inhaltsverzeichnis

Foto: Gina Schatzl

Für mich sind die Inventare der Schlüssel zu den Dingen.

Christina Antenhofer ist Historikerin und Philologin und seit Oktober 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Salzburg.


Interview

Wie ist Ihr Blick als Historikerin auf Objekte, und wie kommt es überhaupt, dass Sie sich aus der fachlichen Perspektive der Geschichtswissenschaften mit Objekten beschäftigen?

Nachdem ich als Philologin zur Geschichtswissenschaft gekommen bin, galt mein primäres Interesse den Texten. Aber schon mit meinem ersten größeren Projekt, in dem ich Flurnamenforschung betrieben habe, ergab sich eine sehr interessante Schnittstelle zur Materialität: Für mich war das gewissermaßen das „Worten“ der Welt, die Verbindung von Sprache mit materiellen Gegebenheiten – und das in einer Zeit, als noch kein Mensch vom spatial turn geredet hat! Ich ging zu den Bauern und zu den Förstern und bin mit Kartenmaterial ins Gelände gefahren. Es war also ein sehr dinghafter Zugang, in dem sprachliche Zeichen weit mehr sind als nur Bedeutungsträger: Sie sind wie „Icons“ –  wenn man sie antippt, dann kommt eine ganze Welt an Geschichten, Erinnerungen, Bedeutungen in einem sozialen Feld zum Vorschein, und das geht weit über jede sprachliche Bedeutung hinaus. Das war sicher eine sehr prägende Erfahrung für mich, die mich noch immer begleitet. Und dann kam ich schon sehr früh über eine literaturwissenschaftliche Arbeit zu den Dingen in einem Projekt zur Sprache der Sexualität in der Literatur um 1900 und um 2000. Hier ging es um die erotische Aufladung der Umgebung und der Dinge, und zwar in Romanen wie beispielsweise von Elfriede Jelinek oder Robert Musil im Vergleich mit anderen Autor_innen. Die Frage war: Spricht man über Sexualität oder wird sie beispielsweise auf die Umgebung – das Setting – transferiert? Das war im fernen Jahr 1996. Danach legte ich die Dinge wieder ad acta –  vorerst, denn als ich an meiner Dissertation arbeitete, holten sie mich rasch wieder ein. Im Rahmen meiner Dissertation war ich in die Tiroler Landesausstellung 2000 eingebunden. Ich war involviert in das Beschaffen von Exponaten aus Museen und mit der Frage beschäftigt: „Was stellt man aus?“ Dadurch befasste ich mich intensiv mit den Brauttruhen der Paula Gonzaga, die ganz einzigartige Objekte sind. Es gibt insgesamt sehr wenige erhaltene Brauttruhen, und die meisten wurden auch auseinandergenommen: Bei einer dieser Truhen gibt es den Truhenkorpus, der noch in Millstatt steht, die Reliefs aber befinden sich in Klagenfurt im Museum. Für diese Ausstellung wurde diese Truhe zum ersten Mal rekonstruiert – mit den Reliefs! – und das war unglaublich. Immer wenn man in den Raum mit der Truhe kam, hat das alle anderen Eindrücke völlig in den Schatten gestellt. Das war eine sehr beeindruckende Erfahrung. Anschließend bearbeitete ich in Mantua die Korrespondenzen rund um Paula Gonzaga und freundete mich mit einer Kunsthistorikerin an, die über die Inventare der Margherita Paleologa arbeitete und mich auf Ausflüge durch den Palazzo Ducale mitnahm. Ich befasste mich dann auch selbst in meiner Dissertation mit dem Inventar der Paula Gonzaga – das war also mein Weg hin zu den Dingen. Im Zuge der Arbeit an den Korrespondenzen habe ich mich auch sehr stark mit der Frage nach Emotionen auseinandergesetzt. Ich hatte immer das Gefühl, über den Austausch von Objekten, über Geschenke und über persönlich angefertigte Objekte am besten zu erkennen, welche Beziehungen zwischen diesen Personen bestehen.

Lässt also auch die schriftliche Überlieferung Aussagen über Objekte, Dinge und materielle Kultur zu? Ist der oft zwischen den Zeilen geäußerte Vorwurf, die Geschichtswissenschaft täte sich schwer mit den Dingen, weil es zu wenig Überlieferung gäbe, folglich kein gerechtfertigter Vorwurf?

Nein, es ist kein gerechtfertigter Vorwurf, weil es ja eine Masse an schriftlichen Quellen zu den Dingen gibt. Es ist eine verkürzte Vorstellung zu meinen, man kann nur an den überlieferten Realien arbeiten. Das halte ich für eine Engsetzung, denn ich kann über die Bedeutung von Geschenken forschen, ohne dass ich das ausgetauschte Geschenk vorliegen habe. Es bedeutet also nicht, dass die Realie überliefert sein muss. Das Problem liegt eher darin, dass ein Großteil der Quellen, in denen solche Objekte genannt sind, lange vernachlässigt wurde. Über die Dinge verbinden sich viele aktuelle Fragestellungen: Das Interesse für die sogenannte administrative Schriftlichkeit ist ja auch noch nicht so alt und bringt jetzt genau jene Quellen in den Fokus, die zuvor vernachlässigt wurden, oder wenn überhaupt, dann nur auf der Suche nach herausragenden Einzelobjekten durchforstet wurden. Hier sehe ich ein großes Potenzial, das noch weiter genutzt werden kann. Auf der anderen Seite beginnt man zunehmend, die Quellen selbst als Objekte wahrzunehmen und festzustellen, dass eigentlich eine riesige materielle Hinterlassenschaft in den Archiven vorhanden ist und man diese Schriftstücke nicht nur als Texte begreifen kann oder soll, sondern auch als materielle Objekte in ihren vielfältigen Kommunikationshorizonten. Dieser material turn hat dazu geführt, dass man die Aufmerksamkeit für bestimmte Fragen geschärft hat, die zwar ohnehin vielfach schon behandelt wurden, nun aber unter anderen Vorzeichen erscheinen – und ich finde, das sind enorm gewinnbringende und spannende Zugänge. Mein Ziel wäre, alle Zugänge miteinander in Verbindung zu bringen und an einer Schnittstelle anzulangen, an der man nicht mehr so sehr daran denkt, wer nun welcher Fachdisziplin angehört, sondern sich direkt am Objekt trifft.

Würden Sie Objekte als Akteure bezeichnen?

Mein zweiter Zugang zu den Objekten war geprägt von den wirtschafts- und sozialhistorischen Ansätzen aus dem anglo-amerikanischen Forschungskontext, also vom Konzept der „Commercial Revolution“ und ähnlichem mehr. Ich habe mich dann im Zuge meiner Habilitationsschrift mehr mit den neueren Theorien auseinandergesetzt und festgestellt, dass gerade in der deutschen Community viel „Ding-Mystik“ betrieben wird, etwa unter den Schlagworten „Aura des Dings“, „Eigensinn der Dinge“ oder „Sprache der Dinge“ – und das reizt durchaus zu einem Widerspruch, ebenso wie „Dinge als Akteure“. Ich habe mich intensiv mit Bruno Latour befasst, ihn auch sehr begeistert gelesen, mich dann aber dagegen entschieden, seinen Begriff des Sozialen so weit zu fassen, dass ich im Rahmen meiner Habilitationsschrift ‚sozial‘ auch auf die Dinge ausweite. Ich glaube, die Perspektive auf Objekte als Akteure hängt von den Fragestellungen und den Forschungskontexten ab. Wenn man das sagt, denke ich, soll man das ernst nehmen und sich ganz genau fragen: Was ist dann der Mehrwert, oder welchen Erkenntnisgewinn erhalte ich, wenn ich die Frage stelle: „Was sagt das Ding?“, oder „Was ist der Eigensinn des Dings?“. Natürlich bewirkt ein Ding etwas, indem es herumgereicht wird, das ist völlig klar. Latour hat die Agency der Dinge an Computer-Mensch-Mischformen nachgewiesen, und er hat auch an Alltagsdingen aufgezeigt, was z.B. ein Coffee-to-go-Becher mit uns anstellt, oder das Handy in der Hand, und wie wir mit diesen Objekten in Verbindung stehen. Wenn man danach fragt, welche Handlungen wiederum notwendig waren, um diese Objekte herzustellen oder mit ihnen umzugehen, sie weiterzureichen, und was das alles bewirkt hat, scheinen das ertragreiche Fragestellungen zu sein. Aber muss man diese Frage soweit denken, Objekte mit eigenem Willen auszustatten? Die Frage definiert sich sicherlich anders für diese Aktantenformen wie sie Latour teilweise betrachtet hat, mit künstlicher Intelligenz und ähnlichem mehr. Bei ihm hängt der Ansatz sehr mit der Ökologiedebatte zusammen und mit der Erkenntnis, dass eben nicht nur die Menschen alleine über die Welt bestimmen, sondern auch die Umwelt ein wichtiger Akteur ist.

Bei allem Widerspruch, den ein unterstellter Eigensinn der Dinge auslösen mag – könnte er nicht dennoch unsere Perspektive auf die Dinge und deren Wirkungspotenzial etwas zurechtrücken und Sachverhalte sichtbar machen, die unserer Aufmerksamkeit ansonsten entgangen wären? Machen nicht doch die Dinge etwas mit uns?

Die „Sorge um die Dinge“ – das gefällt mir als Begriff – war etwas, das mich in der Habilitationsschrift irgendwann fast mehr interessiert hat als nur ihre Beziehung zu den Besitzenden. Sich zu fragen: Welchen Verwaltungsaufwand haben Dinge bewirkt? Es sind ja doch letztlich die Dinge, die auslösen, dass etwas passieren muss: Man muss dafür Sorge tragen, dass sie gewartet werden, dass sie nicht kaputt gehen, dass man sie repariert, und so weiter. Was also das (bloße) Vorhandensein von Dingen an Handlungen auslöst, ist ein praktischer und sinnvoller Zugang; nicht, dass der andere Zugang nicht sinnvoll wäre, aber hier verliert man sich nicht in solchen Spekulationen.
Ich war erst unlängst auf einem Workshop des Forschungsnetzwerks The Mobility of Objects Across Boundaries 1000-1700 in Chester, wo diese Fragen intensiv debattiert wurden und etwa aus der Perspektive der Literaturwissenschaft vehement die Position der Agency der Dinge vertreten wurde. Aber wenn in fiktionalen Texten Dinge mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind, dann stellt sich doch die Frage, ob das so viel über die Agency der Dinge aussagt oder ob nicht letztlich doch eine Aufladung der Dinge durch die Autor_innen der Texte passiert. Wo für mich das Wirkungspotenzial der Dinge am klarsten fassbar wird ist zum einen die Verwaltungsgeschichte, die Produktion von Dingen und was dadurch ausgelöst wird, und zum anderen wird das Wirkungspotential immer dann sichtbar, wenn Dinge in Bewegung geraten, und wenn man sich ansieht, was dadurch passiert, dass diese Dinge weitergegeben werden. Aber wie gesagt: Ob da die Dinge selbst die Akteure sind oder ob sie durch die menschlichen Akteure bewegt werden, das ist vielleicht eine Frage der Perspektive, die man einnimmt.

Würde sich in der mediävistischen Forschung etwas ändern, wenn man die Dinge konsequent in den Mittelpunkt rückte?

Ich denke, es kommt sehr viel an Farbe, an Plastizität dazu, und es werden Themenbereiche damit beleuchtet, die bislang nicht vorgekommen sind. Es geht nicht unbedingt darum, die Geschichte umzuschreiben, sondern sie um neue Kapitel zu ergänzen, die bislang einfach nicht betrachtet worden sind; das würde ich auf jeden Fall so sehen. In vielen einzelnen Fällen gibt es natürlich Einzelerkenntnisse – zum Repräsentationszwang beispielsweise, oder zur Frage der Staatlichkeit und deren Bedeutung im Bereich der symbolischen Kommunikation – die von der Kulturgeschichte aufgegriffen wurden. Die einseitige Betonung der Rechtsgeschichte würde sich verändern, wobei ja gerade Objekte eine immens wichtige Rolle für die verschiedensten Rechtsgeschäfte erfüllen. Oder wenn man bedenkt, was allein an Erkenntnissen für die Urkunden gewonnen wurden, je mehr man sie als Objekte betrachtet hat und nicht nur als Texte. Das sind unendliche Gewinne. Für die Frauenforschung würde sich – oder wird sich – viel ändern, denn sie ist als Forschungsbereich leider immer noch zu wenig präsent und könnte dadurch stärker in das Zentrum des Interesses rücken. Es gäbe ohnehin noch genügend Forschungsbedarf: So gibt es beispielsweise bei fast allen Fürstinnen immer noch den Vorwurf, dass sie „putzsüchtig“ waren, oder nur auf ihre eigenen Interessen bezogen, ohne dass man sich dessen bewusst wird, was es eigentlich im Sinne politischer Handlungsfähigkeit bedeutet, sich entsprechend zeigen zu können, in gewisser Kleidung, Schmuck, etc. All diese Facetten spielen für die weibliche Agency eine große Rolle.

Durch eine Fokussierung der Dinge könnten viele anachronistische Schlüsse vermieden werden.

In meiner Habilitationsschrift habe ich versucht aufzuzeigen, dass die Entwicklung der Hausschätze an und für sich eine Konstruktion ist, die wiederum einem „Staatswerdungsnarrativ“ folgt – so, wie sich im mediävistischen Narrativ die Landwerdung vollzogen hat und irgendwann in der modernen Staatlichkeit gemündet ist, so sucht man auch überall diese Hausschätze, die dann irgendwann im Nationalmuseum enden. Zu begreifen, dass solche Schätze aber nicht nur eine repräsentative Funktion hatten, sondern als Geldreserve dienten, dass man auch seine Krone versetzte, um an Finanzen zu gelangen und dass damit diese Objekte eine ganz vielschichtige Bedeutungspalette haben relativiert dann doch auch Vorstellungen, die man so gemeinhin mit dem Mittelalter verbindet. Und der vermeintlich grandiose Reichtum vieler Fürsten bricht ziemlich rasch in sich zusammen, wenn man sieht, was da alles geliehen wurde, nicht zurückgegeben wurde, ständig verpfändet war. Das meine ich mit dem ‚pragmatischen Forscher_innenblick‘, mit dem man erkennt, dass es auch eine Notwendigkeit war, sich in einer gewissen Art und Weise darzustellen.

Wenn Sie an Ihre bisherige Arbeit mit materieller Kultur denken: Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht? Haben Sie ein persönliches Lieblings-Ding?

Es sind eigentlich nicht die Dinge, sondern die Inventare, denen meine große Liebe gilt, weil ich einfach finde, dass sie unglaublich interessante und spannende Quellen sind. Und als Pendant zu den Inventaren würde ich die Truhen nennen. Diese Schatzkästlein, die man hat, diese Truhen, in denen Dinge verwahrt werden (im Prinzip sind die Inventare ja auch nichts anderes als Beschreibungen von Truhen und deren Inhalt): Das sind Objekte, die mich sehr faszinieren. Da bildet sich ein Ensemble von Dingen in diesen Truhen, das mir dann als Inventar begegnet –  und ich versuche, eine Ordnung zu rekonstruieren, die vielleicht gar keine bewusste ist oder nur daher rührt, wie Menschen Dinge in die Truhen hinein gelegt haben. Mich berührt es, wenn Inventare den Inhalt von Truhen in der Kammer von Personen beschreiben und man wirklich merkt: Die haben da alles hineingelegt, was sie eben ständig in Gebrauch hatten. Um wieder ein Narrativ zu dekonstruieren: Da liegen dann die Reliquien neben kleinen Flaschen mit irgendeiner Parfum-Essenz und irgendetwas Zerbrochenem. Die theoretische Vorstellung, dass sich die sakralen Objekte getrennt von allem Anderen fänden und etwas Eigenes wären, hat sich für mich durch die Betrachtung solcher Truhen und ihrer Inhalte völlig relativiert. Das sind schon sehr lieb gewonnene Objekte von mir.

Sie haben das Stichwort ‚Ensemble‘ genannt: Würden Sie sagen, dass Objekte beispielsweise in Ensembles spezifische Verbindungen miteinander eingehen?

Mein Ansatz ist dezidiert, nicht nur die Einzeldinge zu betrachten, sondern den semantischen Mehrwert aus Anordnungen von Listen herauszuholen und zu schauen, was uns das über die Bedeutung sagen kann. Ich vertrete nicht die Meinung, dass Inventare nur Verwaltungslisten sind, die aus einer zufälligen Ordnung entstehen. Ich bin überzeugt, dass es keine zufälligen Ordnungen sind, selbst wenn man nur ein Zimmer inventarisiert: Auch das Zimmer hat eine Ordnung, und über diese Ordnung und Anordnung bekommen die Dinge natürlich eine zusätzliche Bedeutung, die für mich extrem spannend ist. Vielleicht bin ich eine Textarchäologin? Die Archäolog_innen sagen ja auch, wenn man ein Fundobjekt birgt und nicht den Fundkontext aufnimmt, dann kann man es nicht mehr verwenden, dann versteht man es nicht. Und genauso frage ich mich bei jedem Objekt, das mir in einem Museum begegnet, immer: „Wie ist es überliefert, wo war es ursprünglich, wie muss ich mir das vorstellen?“, um das Objekt zu verstehen. Insofern ergeben sich auch Verbindungen zwischen Objekten, über die Art wie sie aufgestellt sind, ob das jetzt dauerhaft fürs Interieur war oder situativ für einen Repräsentationsmoment oder vielleicht in einer Schatzkammer, wo sie ihren Ort hatten. Ich denke also, dass man Objekte nicht losgelöst denken kann von diesem Kontext; beziehungsweise wenn sie diesen ändern und auf Reisen gehen, dann entstehen neue Bedeutungen und es bilden sich neue Formationen heraus. Für mich ist eine ganz entscheidende Frage, in welchem Zusammenhang Objekte genannt werden. Dann stehen sie in Beziehung zu den Objekten, die um sie herum sind. Das ist der eine Zugang. Der andere Zugang, durch den diese Verbindung zwischen Objekten völlig pragmatisch offensichtlich wird, sind alle Reparaturvorgänge, die ich beispielsweise intensiv an Garderobeninventaren verfolgen konnte. Darin steht etwa, „die Perlen von diesem Gewand wurden heruntergenommen und auf dem anderen appliziert“ – hier könnte man also wirklich von ganz unmittelbaren Verbindungen sprechen. Ich habe auch versucht, über die Inventare Objekte nachzuverfolgen, was unendlich schwierig ist, weil diese oft wieder aufgetrennt, umgearbeitet wurden, und so weiter. Insofern muss man sich auf jeden Fall für mittelalterliche Objektgruppen so vorstellen, dass wahrscheinlich – oder sicher – das Objekt selbst keine fixe Größe war, sondern sich als Materialressource offenbar leicht wieder zu anderen Objekten formieren konnte.

Konnten dabei frühere Bedeutungen des Objektes oder seiner Teile erhalten bleiben und (intentional oder auch nicht) erinnert werden, sodass sich wiederum neue semantische Konstellationen bilden?

Wirklich klar wurde mir das – und das sind jetzt eigentlich meine Lieblingsobjekte! – bei Kleiderstiftungen. Ich habe mich viel mit Testamenten befasst, und dort zeigt sich der regelrechte Trend, dass die Kleider, die man am Leib getragen hatte, in Stiftungen zu Messgewändern umgearbeitet wurden. Zum Beispiel sieht man das bei Mechthild von der Pfalz, die sehr genaue Anweisungen gegeben und etwa vorgeschrieben hat, es müsse ihr Wappen eingenäht werden. Für mich war das das ultimative Zeichen, die an die Spitze getriebene Sakralisierung der eigenen Person in der liturgischen Memoria –  wenn man gewährleistet, dass Kleider, die man persönlich am Leib getragen hat, die also natürlich auch mit dem Körper in Kontakt gekommen sind (und als Objekte auch etwas vom Körper mitnehmen), dann auf den Körper des Priesters kommen und in diesem liturgischen Kontext aufgeführt werden. Das sind für mich bemerkenswerte Objekte, und es ist faszinierend, dieses Wandern von Objekten über Grenzen und Kontexte zu betrachten, ebenso wie diese sehr dinglich gedachte Memoria, die gleichzeitig in eine derartige Sakralisierung umschlägt.

Das heißt, dass der Stifter/die Stifterin dort präsent ist – und das in einer Zeit, in der man noch nichts von tatsächlich präsenter Materie wie DNA gewusst hat, die in der Kleidung vorhanden ist?

Diese Objekte, die in Kontakt mit dem Körper, mit der Haut gelangt sind, haben einen Sonderstatus,  einen ganz eigenen Stellenwert: Man kann sie eigentlich nicht ohne weiteres weitergeben, weil das tendenziell auch degradierend sein kann – man kann nicht ein getragenes Gewand einfach so verschenken, und wenn doch, dann nur sehr eingeschränkt, etwa in Form einer Auszeichnung oder Stiftung. Damit habe ich mich in meiner Habilitationsschrift eingehend auseinandergesetzt.

Für mich kreisen die Objekte immer um den Menschen, das gebe ich ganz offen zu.

Wenn ich in Ausstellungen gehe (das ist vielleicht etwas Persönliches), bin ich immer schaurig berührt und entsetzt, wenn ich exhumierte Grabobjekte sehe, die man aus den Gräbern genommen, restauriert hat und ins Museum stellt. Ich stehe davor und denke mir immer: „Darf man das? Bringt das etwas?“ – das ist für mich immer an der Grenze dessen, was ethisch vertretbar ist, weil es einfach eine so ganz eigene Kategorie an Dingen ist. Speziell Kleidung, aber auch andere Objekte, die man dem Toten mit ins Grab gegeben hat.

Wir werden ja oft von Dingen persönlich berührt: Ist das eine Art Falle, in die wir tappen, wenn wir in der historischen Sicht versuchen, die Dinge nah zu uns zu holen, oder kommt das daher, dass wir den täglichen Umgang mit den Dingen einfach so gewohnt und sie uns so vertraut sind? Führt das dazu, dass wir das Gefühl bekommen, das Mittelalter könnte uns über die Dinge näher rücken? Ist der (emotionale) Umgang mit der materiellen Welt eine ‚Universalie‘?

Die Dinge spiegeln irgendwie die Menschen, ganz einfach über ihre Dimensionen. Walter Benjamin hat gesagt, die Aura des Dings stammt daher, dass das Ding von der Vergangenheit in die Gegenwart hereinreicht. Und ich finde, das ist ein schönes Bild. Damit kann genauso eine Archivalie gemeint sein, die als Objekt eine Brücke schafft. Jede und jeder, die oder der mit Originalquellen und mit Dingen zu tun hat weiß, dass es uns einfach berührt, zu denken: „Dieses Ding hat diese Person tatsächlich in den Händen gehabt“, und damit rückt das Mittelalter nahe, weil das Objekt diese Brücke über die Zeit hinweg schlägt und die Zeit überdauert und damit irgendwie fassbar macht – nahe bringt, ganz unmittelbar, man kann es be-greifen. Wahrscheinlich sind wir da auch noch wie die Menschen im Mittelalter, die die Reliquie berühren wollten; diese Unmittelbarkeit der Materialität kann man nicht leugnen. Das ist ihre besondere Fähigkeit, weil sie über die Zeiten hinweg eine Verbindung herstellt durch dieses Berühren-Können. Wahrscheinlich mehr als durch das Ansehen; es wäre interessant zu fragen, ob die Verbindung im visuellen Bereich ähnlich unmittelbar ist.

Also doch eine Aura der Dinge… zumindest was ihre Faszination auf uns als Berührende und Betrachtende betrifft. Ein Potenzial, das man auch gezielt nutzen kann?

Etwas, das ich toll finde an der Arbeit mit den Dingen ist, dass man automatisch auch mit den Institutionen stärker in Kontakt kommt, die die Objekte beherbergen, nämlich mit den Museen. Gemeinsam kann man sich fragen:  Wie bringt man Museen ins 21. Jahrhundert, wie kann man es anstellen, dass man im Museum einen lebendigen Ort der Begegnung schafft? Ich habe das kürzlich auch in der Lehre umgesetzt, indem ich ein Projektseminar in Kooperation mit Schloss Ambras durchgeführt habe. Die Studierenden konnten dort hingehen und sich Exponate auswählen und bearbeiten. Sie haben dabei ein so intensives Verhältnis zu ‚ihrem‘ Objekt und ihrem Thema entwickelt und so überdurchschnittlich gute Arbeiten verfasst, dass mir bewusst wurde, wie gut man mit Objekten in der Lehre arbeiten kann und wie völlig unterschätzt das ist.

Haben Sie für uns noch eine Ding-Anekdote zum Schluss?

Ich bin ja Mitglied in einem englischen Forschungsnetzwerk, das gerade im letzten Jahr gegründet worden ist:  „The Mobility of Objects Across Boundaries“, das ist ein AHRC-Network (Arts and Humanities Research Council), angesiedelt an der Universität Chester und der Open University. Erst vor kurzem hatten wir, wie schon gesagt, unseren ersten Workshop in Chester und hielten dort Impulsvorträge zu unseren Forschungsprojekten. Die Veranstaltung fand im Grosvenor-Museum statt, das uns Objekte aus seinen Sammlungen zur Verfügung stellte. Wir näherten uns in kleinen Workshop-Gruppen diesen Objekten in völlig naiver bzw. unbedarfter Herangehensweise. Da waren einerseits Schuhe – es gibt dort viele verschiedene Schuhfragmente, die aus dem Schlamm der Themse geborgen wurden –, dann ebenfalls aus dem Schlamm der Themse geborgene Pilgerzeichen, und schließlich Truhen. Wir waren eine internationale Gruppe von Historiker_innen, Kunsthistoriker_innen und Museumskurator_innen und hatten ein Set an Fragestellungen, mit denen wir uns in Annäherung an die Objekte befassten. Wir mussten auch immer wieder die Objekte verlassen und zum nächsten Objekt gehen, und jede_r hatte sofort Lieblingsobjekte oder umgekehrt Objekte, die er oder sie nicht so mochte. Ich konnte beispielsweise mit den Schuhen wenig anfangen – vor allem nicht mit diesen Fragmenten, während die Pilgerzeichen mich mehr ansprachen. Da konnte man zumindest versuchen, ikonographisch etwas zu erkennen. Es war jedenfalls spannend zu sehen wie es ist, wenn man sich wirklich auf die Materialitäten oder Objekte einlässt. Ich habe auch das Workshop-Format sehr bereichernd gefunden, da eben nicht fertige Forschungsergebnisse präsentiert wurden. Stattdessen konnten wir uns gemeinsam auf die Dinge einlassen und eingestehen: Wir Historiker_innen haben eigentlich nicht viel Ahnung von Materialität und müssen uns jetzt erst an diese Objekte annähern [lacht] ‒ das war ganz interessant und amüsant.

Buchvorschau

Christina Antenhofer, Inventare und Schätze. Mensch-Objekt-Beziehungen im Mittelalter und in der Renaissance. 2 Bde. (Mittelalter-Forschungen). Ostfildern: Thorbecke. (Habilitationsschrift, erscheint 2019)

Im Zentrum dieser Arbeit stehen Menschen und Dinge in Bewegung zwischen Mittelalter und Renaissance, Süddeutschland und dem oberitalienischen Raum. Entlang der deutsch-italienischen fürstlichen Eheverbindungen des 14. und 15. Jahrhunderts werden die Beziehungen untersucht, die Menschen zu Dingen unterhielten, in dieser Epoche und geographischen Zone des Übergangs. Gefragt wird, inwieweit sich hier eine „frühmoderne Konsumkultur“ abzeichnet, deren Ausgang in dieser Zeit und im Raum Oberitaliens verortet wird. Daneben sind es die Paradigmen des Schatzes und der Gabe, in denen die fürstliche materielle Kultur zuletzt vermehrt in das Interesse der Forschung geriet. An diesen Übergängen setzt die Arbeit an und überträgt, ausgehend von den Ansätzen der Material Culture Studies, die Fragen der materiellen Kultur in das Paradigma der Mensch-Objekt-Beziehungen, das sich in Diskursen, Praktiken und Wahrnehmungen abbildet, die um Dinge kreisen. Neben Fürstinnen und Fürsten als Besitzern der Güter sind es die Expertinnen und Experten der Verwaltung und des Kunsthandwerks, denen in den Quellen nachgespürt wird. Damit wird zugleich eine Kulturgeschichte der Verwaltung der Objekte unternommen.

Ziel ist die Erfassung der überlieferten spätmittelalterlichen Ausstattungs- und Nachlassverzeichnisse in den untersuchten Hausarchiven und deren Auswertung und Einbindung in die urkundliche Überlieferung (Eheverträge, Testamente, Hausverträge). Darüber wird der fürstliche Besitz an materiellen Gütern vom 13. bis zum 15. Jahrhundert nachgezeichnet. Die Luxusgegenstände sind eingebunden in das gesamte Spektrum an Dingen, die sich in den fürstlichen Kammern und Truhen befanden. Von den exquisiten Goldschmiedearbeiten bis zur Nähnadel mit Zwirn reicht das Panorama dessen, was in diesem Buch als Ding in den Blick genommen wird. Dargestellt werden Praktiken und Handlungen, die sich an die Objekte knüpfen, und soziale Netzwerke von Menschen, Dingen und Räumen entstehen lassen. Die diskursgeschichtliche Auswertung gibt Einblick in die Wahrnehmung der Objekte sowie in Fragen des Kulturkontakts. Methodisch werden Richtlinien für die Auswertung von Inventaren geboten. Das Inventar wird als Text und Ding in den Blick genommen, seine Genese seit dem frühen Mittelalter skizziert und eine Typologie der Inventare entwickelt.