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Das rabbinische Ideal einer koscheren Tinte

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Annett Martini
Kontakt: amartini@zedat.fu-berlin.de
Institution: Freie Universität Berlin, Institut für Judaistik
Erstveröffentlichung: 02.2026
Lizenz: Sofern nicht anders angegeben Creative Commons License
Medienlizenzen: Medienrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, bei den Autor*innen.
Letzte Überprüfung aller Verweise: 11.02.2026
GND-Verschlagwortung: Tinte | Schrift | Papier | Tora | Mezuzot
Empfohlene Zitierweise: Martini, Annett: Das rabbinische Ideal einer koscheren Tinte. In: MEMO 13 (2026): Tinte. doi: 10.25536/20261303.

Übersicht Abbildungen

Abstract

Die Herstellung der sogenannten STaM – Akronym für Sefer Torah, Tefillin, Mezuzot – ist seit der Antike zahlreichen rabbinischen Regeln unterworfen. Diese betreffen die Beschaffenheit des Pergaments, die materialen Eigenschaften der Schreibgeräte, das festgelegte Layout, die kanonisierten Buchstabenformen sowie die Zusammensetzung einer koscheren Tinte zum Schreiben einer rituell reinen Torarolle und der kleinen Schriftrollen in den Tefillin und Mezuzot. Dieser Artikel wird sich auf der Grundlage ausgewählter halachischer – d.h. religionsgesetzlicher – Quellen mit der Frage beschäftigen, was eine solche Tinte ausmacht und in welchem Verhältnis dieses halachische Ideal zur Praxis steht.

Abstract (english)

The manufacture of the so-called STaM acronym for Sefer Torah, Tefillin, Mezuzot – has been subject to numerous rabbinical rules since ancient times. These concern the nature of the parchment, the qualities of the writing utensils, the defined layout, the canonised letter shapes, and the composition of a kosher ink for writing a ritually pure Torah scroll as well as the small scrolls in the Tefillin and Mezuzot. This article will examine the question of what constitutes such an ink and how this halachic ideal relates to practice.

Einleitung

Im Babylonischen Talmud erinnert sich ein Toraschreiber namens Rabbi Jehuda an folgende Begegnung:

„Als ich bei Rabbi Aqiva lernte, pflegte ich Vitriol in die Tinte zu tun, und er sagte mir nichts; als ich aber [später] zu Rabbi Jischmael kam, fragte er mich: ‚Mein Sohn, was ist deine Beschäftigung?‘ Ich erwiderte ihm: ‚Ich bin Toraschreiber‘. Da sprach er zu mir: ‚Mein Sohn, sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist die Arbeit des Himmels; wenn du nur einen Buchstaben auslässt oder einen Buchstaben zu viel [schreibst], zerstörst du die ganze Welt‘. Ich erwiderte ihm: ‚Ich habe etwas, das ich in die Tinte tue, es ist Vitriol‘. Darauf entgegnete er mir: ‚Darf man denn Vitriol in die Tinte tun, die Tora sagt [hinsichtlich der Fluchschrift für das Bitterwasser]: Er schreibe und er verwische (Num 5,23). Eine Schrift, die sich verwischen lässt (Babylonischer Talmud, Traktat Sotah 20a)‘. Er sprach zu ihm wie folgt: ‚Selbstverständlich bin ich im Schreiben der defekten und vollen [Worte] kundig, aber ich brauche auch nicht zu befürchten, eine Fliege könnte sich auf das Häkchen des dalet setzen, es verwischen und aus diesem ein resch machen, denn ich habe etwas, das ich in die Tinte tue, nämlich Vitriol‘“.[1]

Diese bemerkenswerte kleine Anekdote gilt in der Welt der sofrei STaM – der professionellen Schreiber von Torarollen und den kleinen Schriftrollen in den Tefillin und Mezuzot – als eine Mahnung an die enorme Verantwortung, die sie bei der Kopie der für die jüdische Liturgie zentralen Artefakte tragen. Jeder noch so kleine Fehler bei dieser „Arbeit des Himmels“, ein vergessener, unleserlicher oder überflüssiger Buchstabe, hätte die Zerstörung der gesamten (jüdischen) Welt zur Folge. Die hier geforderte Sorgfalt der Schreiber gilt jedoch nicht nur der exakten Wiedergabe des biblischen Textes, sondern auch den materialen Aspekten der Schriftrollenherstellung, die seit der Antike zahlreichen rabbinischen Regeln unterworfen sind. Diese betreffen neben der Beschaffenheit des Pergaments, den Eigenschaften der Schreibgeräte, dem festgelegten Layout und den kanonisierten Buchstabenformen auch die Zusammensetzung einer koscheren Tinte.

Das fluchbringende Bitterwasser als ideelle Basis für dejo

Die rabbinische Schreiberliteratur unterscheidet sehr genau zwischen gewöhnlichen Schreibflüssigkeiten und einer koscheren Tinte, die für das Schreiben rituell reiner Schriftrollen geeignet ist. Es soll ausschließlich dejo (Tinte) verwendet werden, und diese Schreibflüssigkeit ist schwarz – so der Konsens. Doch was genau ist unter dejo zu verstehen? Ein erstes Konzept kristallisiert sich im Babylonischen Talmud heraus, wo die Autoren zwischen „dejo דיו, roter Farbe (siqra), Gummi (qumus) und Vitriol (qalqantum) oder sonst etwas, was bestehen bleibt“ und „Getränken (maschqin), Obstsaft (mei perot) oder sonst etwas, was nicht bestehen bleibt“[2] unterscheiden. Dieser recht vagen Feststellung folgen zahlreiche Diskussionen um die Be­schaffenheit von dejo, die zwischen den Polen „wasserlöslich“ und „dauerhaft haftend“ geführt wurden. Die Wurzeln dieser Debatte reichen in die biblische Anweisung zur Herstellung des sogenannten Bitterwassers zurück, womit eine des Ehebruchs verdächtigte Frau auf ihre Schuld geprüft wurde. Dafür schrieb der Priester Flüche auf einen Zettel, wusch denselben mit bitterem Wasser (sotah) ab und gab das daraus entstandene „fluchbringende und bittere Wasser“ der Frau zu trinken. War sie zu Unrecht verdächtigt, konnten die Flüche ihr nichts anhaben. Hatte sie sich jedoch „an ihrem Mann versündigt, so wird das fluchbringende Wasser in sie gehen und ihr zum Verderben werden“.[3] Die Schreibflüssigkeit, mit der die Flüche auf den Zettel geschrieben wurden, sollte sich leicht in dem Wasser auflösen: „Die Rolle muss verwischt worden sein – denn was sonst sollte er [der Priester] ihr [der beschuldigten Frau] zu trinken geben“,[4] heißt es hierzu im Talmud.
Bei der Kopie der STaM war die lange Haltbarkeit der Schrift sicherlich immer ein Argument für schwer abwischbare Schreibflüssigkeiten. Dementsprechend löste die Forderung einer abwaschbaren Tinte mit Verweis auf das Bitterwasser im Kontext der STaM Irritationen aus, die in vielfältigen halachischen Diskussionen ihren Niederschlag fanden. Grundlage dieser Debatten sind immer die Mischna oder der Talmud, sowie mit Blick auf koschere Tinte die eingangs zitierte Passage aus dem Talmud (Erubin 13a). Um der dortigen Erwähnung des Bitterwassers und seiner Abwischbarkeit zu entsprechen, machte sich eine Partei rabbinischer Gelehrter für Rußtuschen im rituellen Bereich stark.[5] Bei jüdischen Schreibern aus dem sefardischen Kulturraum war die im mediterranen Raum weit verbreitete Trockentinte beliebt, für die der Ruß mit einem wasserlöslichen Bindemittel, beispielsweise mit getrocknetem Gummi-Arabikum, versetzt wurde. Aus der daraus entstandenen zähen Masse wurden kleine Stangen, Pastillen oder Kügelchen geformt, die je nach Bedarf mit einer Flüssigkeit versetzt wurden, so dass dem Schreiber schnell Tinte zur Verfügung stand.[6] Doch es kam bereits in der Antike zusätzlich die flüssige Eisengallustinte in Gebrauch, die für ihre Dauerhaftigkeit geschätzt und vor allem im aschkenasischen Kulturraum für das Schreiben von Torarollen benutzt wurde.
Auch hinsichtlich der Ingredienzien von dejo ist kaum etwas aus den antiken Quellen herauszulesen. So erfährt man aus dem Talmud lediglich: „Alle Öle sind gut für dejo, doch Olivenöl ist das beste. […] Jeder Ruß ist für dejo geeignet, doch Olivenöl ist das beste [Ausgangsmaterial dafür]. […] Jedes Harz ist gut für Tinte, doch das Harz des Balsambaums ist das beste.“[7]

Rabbinische Diskussionen und regionale Rezepturen

Der große Philosoph und Religionsgelehrte Moses Maimonides (ca. 1135–1204) widmet in seinem enorm einflussreichen Gesetzeskodex Mishneh Torah ein ganzes Kapitel der Her­stellung rituell reiner STaM. Mit Blick auf die zu verwendende Tinte schlägt er eine offene Vorgehensweise als maßgebend vor und spiegelt damit sicherlich die eigentliche Praxis im arabisch-islamischen Kulturraum wider:

„Wie ist dejo herzustellen? Man sammle den Ruß von verbranntem Öl, Teer oder Wachs oder Ähnlichem und knete es mit dem Harz eines Baumes und etwas Honig. Es wird dann gut eingeweicht und so lange zerstampft, bis man daraus Plätzchen formen kann. Man trockne sie und bewahre sie auf. Wenn man schreiben will, weiche man sie in Gallapfellösung oder Ähnlichem ein und schreibe. Falls [die Tinte] gelöscht werden soll, wird sie gelöscht werden können. Diese Tinte ist die beste Wahl, um damit Torarollen, Tefillin und Mezuzot zu schreiben. Wenn eine der drei mit Gallapfellösung oder Vitriol [qanqantum] geschrieben wurde, so dass sie permanent und nicht auszulöschen ist, ist sie [auch] geeignet.“

Wenn dem so ist, was schließt die Tora des Moses vom Sinai, wonach sie mit dejo geschrieben sein sollen, aus? Es schließt andere Farben wie beispielsweise rot und grün oder Ähnliches aus, denn wenn in den Torarollen, Tefillin oder Mezuzot auch nur ein Buchstabe farbig oder mit Gold geschrieben wurde, siehe, sie sind nicht geeignet.[8] Maimonides besteht demzufolge nur auf die Schwärze der Tinte und akzeptiert Ruß- wie auch Eisengallustinten für das Schreiben der STaM, wobei eine Rußtinte zu bevorzugen sei.
Im christlichen Europa stehen sich unterschiedliche Positionen gegenüber.[9] Die religions­gesetzlichen Autoritäten im französischsprachigen Gebiet lehnen zum Schreiben der STaM die in Europa beliebte Eisengallustinte kategorisch ab. Der französische Gelehrte Jakob ben Meir Tam (12. Jhd.) und seine Schüler distanzieren sich ausdrücklich von der im deutschsprachigen Gebiet auch im rituellen Bereich verwendeten Eisengallus- bzw. Vitrioltinten. Er argumentiert auf der Grundlage von Talmudpassagen, in denen von einer Trockentinte zum Schreiben von Torarollen die Rede ist (Eisengallustinte wird als flüssiger Schreibstoff verwendet). Darüber hinaus folgert Jakob ben Meir aus der weiter oben zitierten Aufzählung der Schreibstoffe im Talmud (Abschnitt Gittin 19a), dass auch der beliebte Gallapfel, da er dort neben dejo als eigenständige Substanz aufgeführt wird, kein Bestandteil der koscheren Tinte sein könne.[10] Stattdessen empfiehlt er für das Schreiben der STaM die Verwendung einer „getrockneten Tinte aus Nadeln“ oder der „Rinde eines Baumes“.[11] Für eine solche Tinte überliefern seine Schüler folgende Rezeptur:

„Man weiche die Rinde eines Baumes in Wasser ein und entzieht so deren Saft. Man kocht sie nun so lange bis sie dickflüssig wird. Dann gerinnt die Flüssigkeit und trocknet gänzlich. Die Tinte ist bereit.“[12].

Leopold Löw vermutet hinter diesem Baum entweder Fichte oder Rottanne, deren duftendes Holz in Europa auch als Räucherwerk genutzt wurde.[13] Der Saft der Baumrinde ersetzt Jakob ben Meir zufolge das Klebemittel Gummiarabikum, mit dem die Tintenflüssigkeit gebunden wurde. Es ist nicht klar, ob zum Auflösen der pulverisierten Tinte eine Kupfervitriollösung benutzt wurde, um die gewünschte Schwärze zu erzeugen. Hierzu ist zu bemerken, dass der bedenkliche (weil nicht lösliche) Stoff kalkantum (Vitriol) von dem wohl einflussreichsten aschkenasischen Schrift- und Talmudausleger Schlomo Jizchaki, kurz Raschi (11. Jhd.) als atramentum eingeführt und zu den gebräuchlichen Zutaten der koscheren Tinte für die STaM gezählt wurde. Um die offensichtliche Diskrepanz zwischen Gesetz und Praxis zu überbrücken und ohne dabei die Autorität Raschis unnötig in Frage zu stellen, deklarierte der bereits erwähnte Jakob ben Meir Tam einen Unterschied zwischen kalkantum und atramentum, wobei letzteres kein Eisenvitriol wie das talmudische kalkantum, sondern eine Kupfervitriollösung sei, die durchaus Verwendung bei der Tintenherstellung finden dürfe. Die sich daran an­schließenden Diskussionen sind dementsprechend Drahtseilakte auf Grundlage der Definitio­nen unterschiedlicher Termini technici, die es – auch über kleine rhetorische Umwege – in Einklang mit den Talmudischen Vorgaben zu bringen galt.
Moses ben Jakob aus Coucy (13. Jhd.) argumentiert in seinem 1240 vollendeten Werk Sefer mitzvot gadol ganz auf Linie der französischen Rabbiner, beschreibt allerdings die materiale Beschaffenheit von „qanqantum“ – leider nicht auch die von arment – genauer, wenn er ausführt, dass dieser Stoff „Vidriol“ [וידריאול] genannt, „grün und leuchtend wie Glas“ sei. Erst wenn man „etwas davon zerreibt, nimmt es die schwarze Farbe, so wie [im Talmudischen Traktat] Niddah beschrieben, an“. Moses ben Jakob spielt hier auf die Diskussion im Talmud (bT Niddah 19; 20a) über die Definition unterschiedlicher Schwarztöne im Zusammenhang mit der Farbpalette von Menstruationsblut an. Es gibt Blut „schwarz wie ein Tintensediment“, welches der Talmud für besonders unrein hält. Moses ben Jakob stellt diese Assoziation offensichtlich her, um ein weiteres Argument gegen Vitrioltinten im rituellen Bereich vorzubringen.[14]
Der Talmudgelehrte Baruch ben Isaak aus Worms (12./13. Jhd.) schlägt eine Rezeptur für dejo vor, die „die Rinde des Zauberbaumes, der ‚Prunellier‘ [פרונלייר – Schlehdorn] genannt wird, oder eines anderen Baumes“ enthält. Die Baumrinden werden mit Wasser solange gekocht, bis „die Flüssigkeit aus der Rinde ins Wasser herausgetreten ist“. Aus dem Sud wird dann eine Trockentinte extrahiert, die, wie Baruch ben Isaak betont, keinerlei Harze als Bindemittel benötigt. Wie Jakob ben Meir Tam schließt auch dieser Gelehrte Gallapfel für die Herstellung von dejo aus, erlaubt jedoch „arment [ארמאנט] in der Tinte, um sie zu schwärzen, […] und es handelt sich hier nicht um qanqantum [קנקנתום]“.[15] Auch dieser Gelehrte unterscheidet dementsprechend das aus rabbinischer Sicht problematische Eisenvitriol (qanqantum) von einer unbedenklichen Kupfervitriollösung (arment).
Der aus dem Norden des spanischsprachigen Gebiets stammende Moses ben Nachman (gest. 1270) oder Menachem ben Solomon Meiri (gest. 1316) plädieren für Gallapfelextrakt in dejo.[16] Moses ben Nachman argumentiert in seinem Kommentar zum Babylonischen Talmud, Traktat Giṭṭin 19a, dass der Jerusalemer Talmud an einer Stelle dejo explizit als frei von Gallapfel beschreibt und folgert daraus, dass der Stoff normalerweise sehr wohl Bestandteil koscherer Tinten sei.[17] Seiner Meinung nach sei auch eine Tinte mit Gallapfel für die Herstellung von Trockentinte geeignet, wenn man den Gallapfelauszug nur lange genug koche und das Substrat zu einer trockenen bzw. teigigen Substanz verarbeite. Diese würde mit Wasser vermischt einen gut brauchbaren Schreibstoff ergeben. Der provenzalische Talmudexperte Menachem ben Solomon Meiri ist in diesem Punkt mit Moses ben Nachman einer Meinung, ergänzt jedoch, dass dejo sich seiner Erfahrung nach aus Gallapfelextrakt, Gummiarabikum und Wasser zusammensetze, was tatsächlich der Rezeptur einer „klassischen“ Gerbstofftinte entspricht.[18]
Auch Meir ha-Kohen aus Rothenburg (13. Jhd.) möchte die strikte Position der französischen Autoritäten nicht einfach übernehmen und bemerkt mit einem polemischen Seitenblick auf die vorgeschlagenen Rezepturen der französischen Gelehrten, dass dort „kein Tropfen Öl enthalten“ sei, so wie es „in den Tagen der Weisen“ für dejo üblich war und fährt fort: „Ich denke, dass jede schwarze Farbe, die auf qelaf – eine zum Schreiben mit Salz, Mehl und Gerbstoffen behandelte Tierhaut – bestehen bleibt, als dejo bezeichnet wird, denn wir haben keine Halacha von Moses vom Sinai überliefert, dass das nicht koscher ist. Nur [dass] dejo heilig ist[, ist überliefert].“[19] Er legt schließlich fest, dass Tinten mit und auch ohne Gallapfel koscher seien.

Der Wein der Nichtjuden

Ein halachisches Problem stellte auch die Tatsache dar, dass jüdische Schreiber mitunter ihre Tinten von ihren nichtjüdischen Nachbarn kauften. Diese Gepflogenheit wurde von einigen Rabbinern mit Verweis auf den Talmudischen Traktat Awodah Zarah (bT 71a) als Götzendienst verurteilt. Sie erinnerten daran, dass die von Christen erworbenen Tinten Wein oder Essig aus nichtjüdischer Produktion enthalten können – also Lebensmittel, deren Erwerb aus nicht­jüdischer Provenienz und folgender Verzehr durch Juden in den meisten Fällen untersagt ist. Wein spielt in der christlichen Messe eine zentrale Rolle. Aus diesem Grund sollte sichergestellt werden, dass er nicht aus einer Charge bzw. einem Fass stammt, dem bereits eine bestimmte Menge für die Verwendung im Ritus entnommen wurde. Tinte für das Schreiben der heiligen Schriftrollen ist von diesem „einfachen Wein der Nichtgläubigen“ unbedingt zu trennen.[20] Der Umgang mit dem „Wein der Nichtjuden“ im mittelalterlichen Aschkenas war allerdings weitaus komplexer, als einige rabbinische Empfehlungen Glauben machen.[21] Die Produktion, der Konsum und der Handel von Wein war trotz seiner schlechten Reputation bei manchen Vertretern des jüdischen Religionsgesetzes ein fester Bestandteil des ökonomischen und sozialen Lebens in Europa. Die jüdischen Gemeinden lagen in den besten französisch- und deutschsprachigen Weingebieten. Vom lukrativen Geschäft mit Wein auch aus nichtjüdischer Hand abzusehen, war dementsprechend kein leichtes Unterfangen. Tatsächlich wurden halachische Empfehlungen von den jüdischen Händlern geflissentlich ignoriert oder von den rabbinischen Autoritäten selbst aufgeweicht, etwa indem sie bei finanziellen Investitionen in das Weingeschäft mit ihren christlichen Nachbarn ein Auge zu drückten.[22]

Neuzeitliche Ansätze

Doch es wurde nicht nur auf rabbinisch-spekulativer Ebene zwischen schwarzer Tinte und dejo unterschieden. Das bezeugen zahlreiche handschriftliche Zeugnisse aus der frühen Neuzeit. Wie in den weiter oben vorgestellten Rezepturen aus den französisch-, deutsch- und spanisch­sprachigen Gebieten sind auch hier vielfältige Anpassungstendenzen an die materialen Ge­gebenheiten der Umweltkultur festzustellen. In einer italienischen Handschrift aus dem 17./18. Jahrhundert finden sich beispielsweise einige Tintenrezepte, die neben „sehr guter“ und „goldener“ Tinte auch die Zusammensetzung „koscherer Tinte“ preisgeben. Unter der Über­schrift: „Und so geht die Herstellung koscherer Tinte“ ist folgende Rezeptur notiert (Abb. 1):

„Sammle zunächst den Ruß von Öl […] und vermenge ihn mit Honig. Bearbeite ihn mit einem Mörser […], dann nimm gutes zerstoßenes Gummiarabikum und vermische es mit dem Ruß und einem Tropfen Honig. Tue alles in ein neues Gefäß und erhitze es auf dem Feuer, bis es stark reduziert ist. Dann bearbeite es zum zweiten Mal mit dem Mörser bis es weich und auf ein Zehntel [reduziert] ist und bewahre es für sich auf.
[Wenn du mit der Tinte schreiben möchtest,] nimm ein anderes Gefäß mit Wasser gefüllt und etwas zerstoßenem Gallapfel […] und tue pulverisiertes Glas in die Flüssigkeit zu demselben Anteil wie das Gummi […], bringe das Gefäß zum Kochen bis ein Drittel der Flüssigkeit aus ihm gewichen ist. Dann nimm den Ruß, den Honig und das Gummi, das bereits zu einer Trockenmasse verarbeitet wurde, und hole diese Trockenmasse aus dem ersten Gefäß und siebe sie in die Gallapfellösung mitsamt dem Glas. Mische alles zusammen und es ist letztendlich an dir, das Gefäß zurück auf das Feuer zu tun bis [der Inhalt] den höchsten Siedepunkt erreicht hat. Dann wende es vom Feuer und es wird zu einer sehr guten Tinte werden und sie ist gesegnet und erprobt.“[23]

Hier wird eine Mischtinte aus Ruß und Gerbstoffen empfohlen, die mit Honig und zerstoßenem Glas versetzt zu einer Trockentinte verarbeitet wurde. Glas ist insbesondere in europäischen Rezepturen der Neuzeit ein beliebtes Mittel zur Glanzerzeugung, und die Schreiber sahen offensichtlich kein halachisches Problem in seiner Verwendung für dejo – auch wenn diese Zutat in den klassischen Quellen nicht erwähnt wird. Die Handschrift enthält auf derselben Seite auch die Rezeptur einer Vitrioltinte, die offenbar nicht die Bezeichnung „koscher“ verdient.

Dass jedoch auch Vitrioltinten als koschere Schreibflüssigkeit in neuzeitlichem Gebrauch waren, bezeugt eine andere Quelle aus dem 17./18. Jahrhundert, wo folgende Rezeptur zur Herstellung von „koscherem dejo“ notiert ist (vgl. Abb. 2):

„Nimm eine Unze Gummiarabikum, zwei Unzen vitriolum romanum, drei Unzen zerstoßenen Gallapfel, zweieinhalb Liter Wein, Essig oder Wasser. […] Vermenge das Wasser mit dem Gallapfelpulver und setzte es aufs Feuer bis es ein wenig kocht. Danach lasse alles 24 Stunden ruhen, damit es schwarz wird. Danach sollte das Ganze durch weiteres Kochen auf ungefähr zwei Liter reduziert werden. Tue Vitriol dazu während es noch kocht, und lasse es noch eine Zeit weiterkochen. Wenn es so schwarz ist wie du möchtest, tue das gesamte zerstoßene Gummi in das Kochgefäß und nimm es vom Feuer und es ergibt wunderbares dejo und alles ist nach deinem Willen.“[24]

Der Autor dieser Rezeptur hält auch die Verwendung von Wein und Essig als Zutat für nicht problematisch, wobei die Haltung zu Wein aus nichtjüdischer Hand nicht klar hervorgeht.

Die großen Regelwerke der Frühen Neuzeit schwanken zwischen den verschiedenen Optionen, tendieren wie der Schulchan aruch im Zweifelsfall aber doch zu einer relativ offenen Position. Auch im 19. Jahrhundert lehnten sich jüdische Schreiber wie Solomon Ganzfried im Wesent­lichen an die Vorgaben des großen Gesetzesgelehrten des Mittelalters an. In seinem bei heutigen Schreibern einflussreichen Schreiberhandbuch Sefer qeset ha-sofer (3:1) kann diese auf Praktikabilität ausgerichtete Haltung zum Schreiben mit Blick auf dejo gut nachvollzogen werden:

„Es ist eine Halacha des Moses vom Sinai, dass sifrei torah, Tefillin und Mezuzot mit nichts anderem als mit dejo geschrieben werden. Idealerweise wird die Sache so gehandhabt: sammle den Ruß von Ölen, Teer oder Wax oder Ähnliches (das ist Kienruß קיהנרוס oder Flammruß פלאמרוס) und verknete es mit dem Harz eines Baumes (Gummi) und etwas Honig […] und zerstoße es gut bis man Plätzchen daraus machen kann. Vor dem Schreiben löst [der Schreiber] es in Gallapfellösung oder Ähnlichem auf und schreibe damit, denn falls er [die Schrift] löschen will, wird es auszulöschen sein. Das ist eine ausgezeichnete Tinte zum Schreiben der STaM. Doch wenn jemand eine der drei [Schriftrollen] mit Gallapfellösung und qanqantum (Kupfervitriol קיפפערוואססר) schreibt, was dauerhaft und nicht auszulöschen ist, ist es rein. Und so ist es Brauch heutzutage Tinte herzustellen, nämlich aus Gall­apfellösung, qumos (Gummi) und qanqantum. Man sollte nur aufpassen, dass die Schwärze so wie am Anfang bleiben wird. Die Halacha, die Moses am Sinai empfangen hat, spezifiziert, dass mit dejo geschrieben werden soll, da der Rest der Farben wie Rot, Grün usw. ausgeschlossen ist, denn wenn auch nur ein Buchstabe mit einer anderen Farbe oder mit Gold geschrieben wurde, siehe: es ist nicht tauglich. Daher ist es verboten, irgendetwas aus dem Tanach mit etwas anderem als Tinte zu schreiben. Manche sagen, dass die Angelegenheit des dejo nur den sefer torah betrifft. Wenn die Tinte anfangs schwarz schreibt und nach einiger Zeit verdirbt und rot wird, ist sie nicht tauglich.“[25]

Anders als bei den Schreibhäuten waren die Schreiber bei der Tintenherstellung nicht unbedingt auf nichtjüdische Händler angewiesen. Jeder sofer konnte seine eigene Tinte leicht herstellen und so der Forderung nach Reinheit des Materials Rechnung tragen. Auch in der Neuzeit wird geraten, die Tinte für die STaM in jüdischer Hand zu belassen, um Ingredienzien, die nicht den Kaschrut – den jüdischen Speisevorschriften – entsprechen, zu vermeiden. Dementsprechend rät Isaak Dov Bamberger (1808–1879) noch einige Jahrhunderte nach den aschkenasischen Rabbinern des Mittelalters:

„Nimm kein dejo von einem [gewöhnlichen] Markt, denn es könnte etwas Unreines darin sein. Auch andere Irrtümer können vermieden werden, wenn nicht alles, was Wasser schwärzt, dejo genannt wird. Daher sollte ein sofer sein dejo selbst herstellen, damit er sicher sein kann, dass die Ingredienzien geeignet sind, um daraus koscheres dejo zu machen. Und nimm ausschließlich Dinge, die dir [von den Rabbinen] bekannt sind.“[26]

 

Fußnoten

  1. Babylonischer Talmud (bT), Erubin 13a. Dieser Beitrag basiert im Wesentlichen auf meinem in Martini 2022 vorgelegten Quellenstudium halachischer Debatten zu koscheren Tinten zum Schreiben von Torarollen, Tefillin und Mezuzot. Alle Übersetzungen hebräischer oder aramäischer Quellen stammen – wenn nicht anders ausgezeichnet – von der Autorin.
  2. Mischna, Traktat Gittin 2:3; Babylonischer Talmud, Traktat Megilla 19a; Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 115b; Babylonischer Talmud, Traktat Sotah 17b.
  3. Num 5,23–27. Vgl. Martini 2022, S. 38–42.
  4. Babylonischer Talmud, Traktat Sotah 19b.
  5. Blau 1902, S. 150–166; Wegener 1830; Carvalho 1904; Martell 1913; Martell 1913; Koschatzky 1981, S. 129–142; Schreiner/Oltrogge 2011; Schreiner/Oltrogge 2011.
  6. Siehe auch Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 18a, wo die Herstellung von Trockentinte am Schabbat diskutiert wird. Zur Untersuchung der Tinten vgl. Babylonischer Talmud; Hahn 2010.
  7. Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat, 23a.
  8. Moses Maimonides 2000, I:4,5.
  9. Eine (unvollständige) historische Untersuchung zur Tintenherstellung in Aschkenas bietet auch Twerski 1988. Zu regionalen Unterschieden vgl. auch Abraham ben Nathan aus Lunel 1896, Bd. 1, S. 107.
  10. Tosafot zum Babylonischer Talmud, Traktate Megilla 19a und Gittin 19a.
  11. Zitiert nach: Isaak ben Moses aus Wien 1862, §542.
  12. Vgl. u. a. Tosafot zu den Traktaten des Babylonischer Talmuds Schabbat 23a und Gittin 19a. Löw zählt noch weitere Erwähnungen dieser Baumrindentinte und deren Varianten auf (vgl. Löw 1871, S. 153).
  13. Ebd. Meir ha-Kohen aus Rothenburg empfiehlt die Rinde eines „Duftbaumes“ [עץ בושם]. Rabbi Meir ben Jekutiel ha-Kohen aus Rothenburg 1862, I:3.
  14. Moses ben Jakob aus Coucy 1995, hg. Schlesinger, 1995, Abschnitt 25. Vgl. auch Eliezer ben Samuel aus Metz 1892–1902, Abschnitt 299.
  15. Baruch ben Isaak aus Worms 1897, Abschnitt 195. Aus dem Holz des Schlehdorns wurde in Europa traditionell Tinte hergestellt. Dessen magische Konnotation hat ebenfalls eine lange Tradition. Der Schlehdorn galt als Schutzpflanze gegen dämonische Kräfte; Gegenständen aus Schlehenholz wurden übernatürliche Kräfte nachgesagt. Vermutlich ist auch unter dem in verschiedenen Quellen auftauchenden משרף קוצים – aus dem Harz von (wörtl.) Stacheligen – der Schlehdorn bzw. eine Akazienart mit Dornen zu verstehen. Siehe beispielsweise Eliezer ben Samuel aus Metz 1892–1902, Abschnitt 299.
  16. Twerski 1988, S. 69–72.
  17. Twerski 1988, S. 69–72.
  18. Menachem ben Solomon Meir 1956, 1:4.
  19. Meir ben Jekutiel ha-Kohen aus Rothenburg 1862, I:3.
  20. Abraham ben Nathan aus Lunel 1896, Bd. 1, S. 107.
  21. Vgl. insbesondere die umfangreiche Studie von Soloveitchik 2003.
  22. Soloveitchik 2003, S. 68–90.
  23. Ms. Los Angeles, University of California 779 bx. 3.5, fol. 14.
  24. Ms. London Montefiore Library 482, fol. 132.
  25. Ganzfried 1902, Kapitel 3:1.
  26. Gaon Isaak Dov Halevi Bamberger 1853, 4:3; siehe auch Friedman 2000.

Bibliographie

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Wird erwähnt in Fußnote: [9] [20]
Babylonischer Talmud, hg. von Adin Steinsaltz, New York 1989–1997.
Wird erwähnt in Fußnote: [1] [2] [2] [2] [4] [6] [6] [7] [10] [12]
Baruch ben Isaak aus Worms: Sefer ha-terumah, Warschau 1897 (Neudruck Jerusalem 1979).
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Blau, Ludwig: Studien zum althebräischen Buchwesen und zur biblischen Litteratur- und Textgeschichte. Straßburg 1902 (Nachdruck 2012).
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Carvalho, David N.: Forty Centuries of Ink. New York 1904.
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Eliezer ben Samuel aus Metz: Sefer jere’im, hg. von Abraham Abba Schiff. Wilna 1892–1902.
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Friedman, Jack E.: Rabbi Shlomo Ganzfried. His Kitzur and His Life. Northvale [u. a.] 2000.
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Ganzfried, Solomon: Qeset ha-sofer. Bartfield 1902.
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Gaon Isaak Dov Halevi Bamberger, Melechet schamajim. Hamburg-Altona 1853.
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Hahn, Oliver: „Zerstörungsfreie naturwissenschaftliche Untersuchung von historischem Schriftgut“. In: Materialität in der Editionswissenschaft. Beihefte zu Editio (32), hg. von Martin Schubert. Berlin [u. a.] 2010, S. 15–26.
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Löw, Leopold: Graphische Requisiten und Erzeugnisse bei den Juden (2 Bde.). Leipzig 1871.
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Schreiner, Peter/Oltrogge, Doris: Byzantinische Tinten-, Tuschen- und Farbrezepte. (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, Reihe IV). Wien 2011.
Wird erwähnt in Fußnote: [5] [5]
Soloveitchik, Haym: Jeinam. Sachar be-jeinam schel gojim al gilgulah schel halachah be-olam ha-ma’aseh. Tel Aviv 2003.
Wird erwähnt in Fußnote: [21] [22]
Twerski, Chaim E.: „The Use of Modern Inks for Sifrei Torah“. In: Journal of Halachah and Contemporary Society 1988 (15), S. 68–76.
Wird erwähnt in Fußnote: [9] [16] [17]
Wegener, J. C. (Hg.): Neue Rezeptsammlung zu schwarzen, rothen, grünen und andern Tinten. Einbeck 1830.
Wird erwähnt in Fußnote: [5]