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Einleitung

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Johannes Deibl
Kontakt: johannes.deibl@stiftmelk.at
Institution: Benediktinerstift Melk, Bibliothek
Erstveröffentlichung: 02.2026
Lizenz: Sofern nicht anders angegeben Creative Commons License
Medienlizenzen: Medienrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, bei den Autor*innen.
Letzte Überprüfung aller Verweise: 11.02.2026
GND-Verschlagwortung: Tinte | Schrift | Papier |
Empfohlene Zitierweise: Deibl, Johannes: Einleitung. In: MEMO 13 (2026): Tinte. doi: 10.25536/20261301

Übersicht Abbildungen

Abstract

Die Beiträge der vorliegenden Ausgabe öffnen den Blick für historische Diskurse um das Substrat, mit welchem das geschriebene Wort fixiert werden kann und das ihm ein 'Gesicht' verleiht. Die Zugänge sind bestimmt von einer großen disziplinären Breite: in den historisch orientierten Beiträgen von Johannes Deibl und Doris Oltrogge werden Konnotationen und Diskurse um Tintenrezepturen beleuchtet, Pol Edinger interpretiert gemalte Darstellungen von Schreibakten, die, ebenso wie Annett Martinis Aufsatz über koschere Tinten, eine heilsgeschichtliche Komponente beinhalten. Im Gemeinschaftsbeitrag von Christa Hofmann, Dubravka Jembrih-Simbürger, Maurizio Aceto und Federica Cappa verbindet sich das interdisziplinäre Potenzial von Wissenschaft und Restaurierung in der Erforschung historischer Gold- und Silbertuschen.

Abstract (english)

Ink is more than just a dark liquid, it gives a face to letters and texts. Through the centuries huge concern was given to its ingredients and preparation. The contributions in this issue offer insights into historical discourses surrounding the substrate with which the written word is fixed and which gives it a 'face'. The approaches are characterized by a broad disciplinary range: in the historically oriented contributions by Johannes Deibl and Doris Oltrogge, connotations and discourses surrounding ink recipes are illuminated; Pol Edinger interprets painted depictions of writing acts, which, like Annett Martini's essay on kosher inks, can be linked to spiritual salvation. In the collaborative contribution by Christa Hofmann, Dubravka Jembrih-Simbürger, Maurizio Aceto and Federica Cappa the interdisciplinary potential of scholarship and conservation is combined in the study of historical gold and silver inks.

Einleitung

Die Tinte ist mehr als nur ein Schreibstoff. Martin Luthers sagenumwobener Wurf mit dem Tintenfass konnte den Teufel von der Wartburg jagen,[1] Günter Grass‘ letztes Gedicht zu Lebzeiten, niedergeschrieben „mit letzter Tinte“[2], polarisierte wie kaum ein zweites seiner schriftstellerischen Laufbahn. Ob als Bild für den Schreibakt, für den materialisierten, politisch kontroversiellen Gedanken oder für die Demokratisierung von Glaubens­wahrheit(en) – diese Anwendungen scheinen zunächst einem rein spielerisch-sprachlichen Umgang mit dem Gegenstand geschuldet zu sein. Ebenso können sie aber als ein zarter Hinweis auf dessen großes Potenzial bezüglich seiner materiellen Kultur verstanden werden.
So bestand das Ziel dieser MEMO-Ausgabe darin, die Materialität der historischen Tinte aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Die enthaltenen Beiträge berühren Perspektiven, die das Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit seiner Forschung zur materiellen Kultur zugrunde legt (Objektverbindungen, sinnlich wahrnehmbare Materialeigenschaften, Bedeutungszuschreibungen, überliefertes Materialwissen, Aspektivie­rung). Die disziplinäre Breite der Ausgabe (naturwissenschaftlich, textwissen­schaftlich, bildwissenschaftlich) wird bei einem praxisorientierten Objekt wie der Tinte durch die Einflechtung des aktuellen Umgangs mit historischen Schrifterzeugnissen ergänzt. Methodiken und Vorgehensweisen restauratorischer Professionist*innen stützen sich auf rezente Forschungserkenntnisse – eine zielgerichtete Verschränkung von Wissenschaft und Praxis führt zu langanhaltender Substanzsicherung von Textträgern. Auch die Breite der Institutionen, denen die Beitragenden des Bandes angehören, sollte einen verengten Blick auf das Objekt verhindern: Neben Universitäten treten Klosterbibliotheken und restauratorische Einrichtungen auf den Plan.
Die Ausgabe startet mit einem Beitrag von Doris Oltrogge, in dem gezeigt wird, wie ausgewählte Rezeptsammlungen des deutschsprachigen Raums (15./16. Jahrhundert) das damalige Schreiberwissen über Zusammensetzung und Anwendung von Gebrauchstinten widerspiegeln. Im Text wird nach geforderten Eigenschaften des Schreibstoffes und seiner Typen gefragt, aber auch die historischen Überlieferungskontexte des Materialwissens in Handschriften und Drucken in den Blick genommen.
Annett Martini nimmt die Tinte aus der Perspektive jüdischer Vorschriften und ihrer praktischen Anwendung in den Blick. Bei der Herstellung von Torarollen wie auch der Schriftrollen in den Tefillin und Mezuzot musste diese (neben weiteren Bestimmungsstücken) koscheren Standards folgen; nichts weniger als das Heil der Welt stand auf dem Spiel. In einem religiös geprägten Beziehungsgeflecht zwischen Menschen und Objekten (hier Tinten) wird Gegenständen spezifische Bedeutung zugeschrieben. Der Umgang damit wirkt sich wiederum auf die Glaubensrealität aus.
Johannes Deibl zeigt in seinem Beitrag, wie im Text eines venezianischen Mediziners des frühen 17. Jahrhunderts die Vermittlung von Materialwissen zur Tinte (wie auch zur Tusche und zur Schusterschwärze) nicht beim ‚bloßen‘ Rezept enden musste. In gelehrter Betrachtung wurde der Gegenstand durch spezifische Zugangsformen und Präsentationsweisen (Autoritätenreferenzen, Diskurspolemik, Autorinszenierung) für die Leserschaft aufbereitet. Anhand von Caneparius‘ Ausführungen zur Tinte lässt sich außerdem zeigen, wie in der Naturbetrachtung der Frühen Neuzeit neben dem Buchwissen der Autoritäten die beobachtende Erfahrung im Experiment an Bedeutung gewann.
Im Beitrag von Pol Edinger wird die Tinte mit der Verschriftlichung der Heiligen Schrift gleichgesetzt, ein Pars pro Toto, das dem Schreibstoff heilsgeschichtliche Bedeutung verleiht. Besprochen werden ausgewählte bildliche Darstellungen von Schreibszenen des Kirchenvaters Hieronymus. Neben dem motivischen Einbezug der entsprechenden Utensilien (Codex, Tintenfass, Feder, Schaber etc.) rückt die dargestellte Schrift in den Fokus der Aufmerksamkeit: Ob nun ein dechiffrierbares Schriftbild oder ein stilisiertes ‚Bild als Schrift‘ vorliegt – es ergeben sich Interpretationsmöglichkeiten aus den Varianten dieses Zusammenspiels, die der Komplexität der Kunstwerke entsprechen.
Christa Hofmann, Dubravka Jembrih-Simbürger, Maurizio Aceto und Federica Cappa belegen im abschließenden Beitrag als wissenschaftlich-restauratorisches Autorenkollektiv das interdisziplinäre Potenzial rund um die Erforschung von historischer Gold- und Silbertusche. Der Beitrag informiert über Untersuchungen zu drei Zimelien der Österreichischen Nationalbibliothek: zur Wiener Genesis (6. Jhdt.), zum Dagulf-Psalter (783-795) und zum Stundenbuch des Galeazzo M. Sforza (1450–1475). Der Fokus des Textes liegt auf Materialeigenschaften wie auf Abbaureaktionen mit fortschreitender Zeit. Die durch unterschiedliche Methoden (Beobachtung, Materialanalyse, experimentelle Rekon­struk­tionen) erlangten Erkenntnisse wurden/werden wiederum für die Konservierungsmaßnahmen genutzt.
Die in der Ausgabe versammelten Beiträge sollen für die vielfältige materielle Kultur der historischen Tinte sensibilisieren und Anschlussmöglichkeiten für kommende Denkvorstöße bieten. Luthers Wurf mit dem Tintenfass möge niemanden einschüchtern.

Fußnoten

  1. Vgl. Chalupka 2022.
  2. Grass 2012.

Bibliographie

Chalupka, Michael: Der Tintenfleck des Teufels. Ö1 – Gedanken für den Tag (4.11.2022). Online (letzter Zugriff: 28.11.2025).
Wird erwähnt in Fußnote: [1]
Grass, Günter: Was gesagt werden muss. In: Süddeutsche Zeitung (4.4.2012). Online (letzter Zugriff: 28.11.2025).
Wird erwähnt in Fußnote: [2]