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Redaktion Medium Aevum Quotidianum
Erstveröffentlichung: 1997

Abstract

Medium Aevum Quotidianum 37 (1997) 58-64

Abstract (englisch)

Medium Aevum Quotidianum 37 (1997) 58-64

Inhaltsverzeichnis

Rezensionen
Die ‚Mirabilia Romae‘. Untersuchungen zu ihrer Oberlieferung mit Edition der
deutschen und niederländischen Texte von Nine Robijntje Miedema, Max
Niemeyer Verlag, Tübingen 1996 (Münchener Texte und Untersuchungen zur
deutschen Literatur des Mittelalters Bd. 108) 589 S. , DM I 36,-
Keine Stadt faszinierte die mittelalterliche Vorstellung so sehr wie das antike und christliche
Rom, das „Haupt der Welt“. Verschiedene Gattungen mittelalterlicher Literatur präsentieren
ein Bild der Stadt, das aus topographischen und historischen Fak1en und fiktiven Erzählungen
gemischt ist. Grundlage fur viele Texte ist die weit verbreitete Tradition der ‚Mirabilia Romae‘,
im 12. Jahrhundert von einem nicht bekannten Autor verfaßt und besonders in Latein, aber
auch übersetzt in den Volkssprachen in zahlreichen Handschriften und frühen Drucken
überliefert und dabei je nach Tendenz der Bearbeiter auch variiert.
Der großen Bedeutung des Themas „Rom“ in vielen Bereichen mittelalterlicher und
frühneuzeitlicher Schriftlichkeil – von Chroniken über Pilgerberichte bis zu Städtelobgedichten
– entspricht die große Mühe und Sorgfalt, mit der die vorliegende Dissertation die
Überlieferungs- und Textgeschichte aufarbeitet und deutet. Verwiesen wird beiläufig auf
verwandte Werke, besonders die ‚Mirabilia Romae vel potius Historia et descriptio urbis
Romae‘, die außer Listen römischer Kaiser besonders die Pilgerstationen mit Ablaßlisten
enthalten.
Nach Auflistung der vielen Handschriften und Drucke folgt eine synoptische Edition
der eigentlichen ‚Mirabilia Romae‘ mit je einem niederländischen, lateinischen und deutschen
Text. Da sich die Mirabilia zusammensetzen aus Nennung der antiken Orte und Monumente
nach Sachgebieten, dann einigen Legenden hierzu und schließlich einer Art Rundgang durch
die Stadt, wenn auch ohne exakte topographische Angaben, sind die Kommentare der Autorin
besonders wichtig, und dies auch im Hinblick auf andere Romtexte.
Interesse weckt auch die Stellungnahme zur Forschungsdiskusssion, vor allem zur
Frage, ob die ‚Mirabilia‘ als Romfuhrer benutzt wurden. Viele Indizien ließen sich gegen diese
gängige Meinung anfuhren: das große Format, die nicht exakten topographischen Angaben fur
einen Rundgang, das Überwiegen der antiken Monumente, fur die sich Pilger – die in Massen
erst später kamen – weniger interessierten als fur den „ablaßreichen“ Besuch der
Stationskirchen und der Reliquien der Heiligen. So überzeugt die These, daß das Werk besser
in die Tradition der „descriptio urbis“ einzuordnen ist und mehr als Nachschlagewerk fungierte.
Auch mit der Gattung des Städtelobs kann Miedema es in Verbindung bringen, da ja beide
Textsorten in der rhetorischen Praxis nicht getrennt waren.
58
Dieser Handbuchcharakter eines so wichtigen Werks über Rom, der den ‚Mirabilia‘
zukommt, erklärt auch, daß die sekundäre literarische Rezeption in verschiedene Gattungen
überspringt, von Chroniken bis zu Predigten und Legendensammlungen. Als Vorlage fur Pilger
und ihre Reiseberichte dienten dagegen mehr die ‚Indulgentiae ecclesiarum urbis Romae‘,
welche die Hauptkirchen Roms mit ihren Reliquien und Ablässen verzeichnen. Dieses Werk,
das als Teil der ‚Mirabilia Romae vel potius Historia et descriptio urbis Romae‘ überliefert ist,
wird in der Arbeit von Miedema jedoch nur beiläufig erwähnt. Eine Textgeschichte bleibt
ebenso ein Desiderat wie die Untersuchung und Textgeschichte der lateinischen Überlieferung
der ‚Mirabilia Romae‘, die eine so breite Wirkung durch Jahrhunderte entfalteten.
Helga Schüppert (Stuttgart)
Michael Richter, Studies in Medieval Language and Culture, Four Courts Press,
Dublin 1995
Es muß einmal gesagt werden: Interdisziplinäre Arbeit wird zwar in Festreden gefordert, wenn
es aber jemand wirklich tut, so riskiert er im mitteleuropäischen Wissenschaftsbetrieb immer
noch, zwischen die Stühle zu fallen. Internationale Forschung wird zwar allemal gefordert, wer
sie aber praktiziert, hat Schwierigkeiten, sich innerhalb der nationalen Gruppeninteressen zu
plazieren.
Für diejenigen, die aus den genannten oder anderen Gründen eine Begegnung versäumt
haben, gibt es nun die Möglichkeit, das wenigstens mit einer Aufsatzsammlung nachzuholen,
die ein Dubliner Verlag vorgelegt hat. Die Aufsätze, viele aus Vorträgen herkommend und
daher einem lebendigen Diskurs verpflichtet, befassen sich alle mehr oder weniger mit dem
Phänomen der Sprache im mittelalterlichen Europa. Sie können auch als Einfuhrung in die
Soziolinguistik fur Mediävisten gelesen werden. Michael Richter, jetzt in Konstanz, hat lange
in England und Irland gelehrt, ist im zweiten Fach Anglist und bewegt sich so souverän in
einem europäischen Spannungsfeld, wie es fur Wissenschafter mit deutscher Muttersprache
selten ist.
Die Aufsätze beschäftigen sich, ganz kurz zusammengestellt, mit dem sociolinguistic
approach an das lateinische Mittelalter, Kommunikationsproblemen, dem Begriffspaar
urbanitas – msticitas, der Stellung des Lateinischen in der mittelalterlichen Gesellschaft, der
Frage der Mehrsprachigkeil in der Oberschicht, der Sprachenpolitik Karls des Großen, bringt
ältere Überlegungen über die „Trennung“ von Latein und romanischen Sprachen in Erinnerung,
macht einen Ausflug zur Kosmographie des Aethicus Ister, und beschäftigt sich mit der Vielfalt
der Sprache in Keltischen Ländern.
In jedem Fall wird zu einer aktuellen Forschungsfrage ein origineller Ansatz versucht,
der zumindest diskutierenswert ist. Vielfach haben sich Richters Ergebnisse im Kollegenkreis
bereits durchgesetzt, ohne daß immer bewußt ist, von wem sie stammen. Der Hauptgewinn fur
Historiker und Historikerinnen besteht darin, von einem Fachkollegen in internationale
Diskurse eingefuhrt zu werden, zu denen sich der Zugang sonst nicht so einfach erschließt.
Kar! Brunner (Krems/Wien)
59
Günter Schopf Fest und Geschenk in mittelhochdeutscher Epik (Philologica
Germanica /8). Fassbaender, Wien 1996
Besonders auch Nichtgennanisten seien auf eine verdienstvolle Wiener Dissertation
hingewiesen, die aus der Fülle der Arbeiten zur mittelhochdeutschen Epik vor allem durch
ihren interdisziplinären Ansatz heraussticht und einige wohlbekannte Szenen neu lesen lehrt.
Der Autor hat unter anderem die soziale Funktion der Geschenke in einer Gift Society
herausgearbeitet. Interessant ist sein Hinweis, daß dieses Zeremoniell nicht nur beim festlichen
Ereignis selbst eine wichtige Rolle spielt, sondern auch durch die am materiellen Zeichen
festgemachte Memoria das punktuell dokumentierte Beziehungssystem in die Alltagswelt
hinüberzuretten imstande ist. Durchgegangen wird die gesamte ,,klassische“ Literatur, einen
zusätzlichen Schwerpunkt legt der Autor auf die weniger beachtete Dichtung des Strickers,
Daniel. Sehr wertvoll ist auch der einleitende Überblick zum Forschungsstand, der eine gute
Kenntnis der aktuellen wissenschaftstheoretischen Diskussion mit Seitenblicken auf die
Soziologie ausweist und auch die westeuropäische Literatur berücksichtigt. Die Arbeit wird
also weit über den Kreis der Fachgennanisten hinaus Anregungen zu einer erneuten
Beschäftigung mit der mittelhochdeutschen Epik bieten und ist außerdem noch erfreulich
angenehm zu lesen.
Karl Brunner (Krems/Wien)
Regesten Kazser Ludwigs des Bayern (/31./ – 1347), nach Archiven und
Bibliotheken geordnet, hg. von P. Acht, bearb. von M. Menzel, Komm. für die
Neubearb. der Regesta Jmperii und Dt. Komm. für die Bearb. der Regesta
Jmperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz H. 3,
Böhlau, Köln-Weimar-Wien 1996
Anzuzeigen ist ein Werk, das Urkunden Kaiser Ludwigs des Bayern aus Kloster- und
Stiftsüberlieferungen im altbayerischen Gebiet aus dem HstA München und der
Staatsbibliothek München umfaßt. Einige der durch die Überlieferungslage bedingten Lücken
sind in der Einfuhrung wohl ausgewiesen. Zum arbeitstechnischen Aspekt, der diese
Vorgangsweise bestimmte, kommt ein einsichtiger historischer, weil sich das Material zu einem
hervorragenden Überblick fur die Klosterpolitik Ludwigs in Bayern ordnet und wohl auch den
Zugang fur hilfswissenschaftliehe Fragestellungen erleichtert. Die kurze, aber materialreiche
Einleitung gibt neben den üblichen lnfonnationen zur Vorgangsweise einen guten Überblick
über die Problemlage. Die Regesten selbst folgen dem hohen Standard der Reihe und bieten in
den Anmerkungen eine Fülle von wertvollen Detailinfonnationen, die sich über die Register
erschließen lassen. So wird dieser Band von allen Forschern und Forscherinnen, die sich mit
der angegebenen Zeitspanne beschäftigen, mit Gewinn zur Hand zu nehmen sein und fur die
Geschichte Bayerns unverzichtbar werden.
Karl Brunner (Krems/Wien)
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Brilla l)adherg. /.)ie Oase aus Stein. Humanökologische Aspekte des Lebens in
mittelalterlichen Städten. Akademie Verlag, Leipzig 1996, 154 S., ISBN 3-05-
002R37-R. DM 9R.–
Umwelthistorische Forschungen haben Konjunktur. Dabei zeigt sich jedoch das Problem, daß
Historiker sich oft zu selten mit Ergebnissen auseinandersetzen können oder wollen, die heute
von den Umweltwissenschaften und mit Hilfe ökologischer Analysen geliefert werden.
Umgekehrt ist es ähnlich selten, daß die Umweltwissenschaften die Resultate der Geschichtswissenschaften
berücksichtigen und heranziehen. Aus diesem Grunde wirkt es ausgesprochen
wohltuend, wenn mit dem vorliegenden Buch ein Werk angeboten wird, das ganz gezielt
interdisziplimir zu argumentieren und analysieren versucht, und noch dazu einiges in bezug auf
die Bildung und Anwendung von Theorien beizutragen hat. Die 1 994 abgeschlossene und
uberarbeitete Göttinger Dissertation der Autorio (Arbeitskreis Umweltgeschichte des Instituts
fur Anthropologie) versucht, vorliegende umwelthistorische Einzelaspekte in den Rahmen
eines ökologischen Konzeptes zu integrieren und damit humanökologische Ansätze mit
Ergebnissen der deutschen Stadtgeschichtsforschung zu verbinden
Nach einer Vorstellung der theoretischen Grundlagen fur eine Auseinandersetzung mit
dem Ökosystem (mittelalterliche) Stadt widmet sie sich den urbanen ökologischen
Charakteristika, die in Zusammenhang mit agrarwirtschaftlichen, demographischen und
klimatischen Entwicklungen zu sehen sind. Die „Frage nach den system- und populationsökologischen
Folgen der Urbanisierung“ (S. 3 1 ) steht im Zentrum der Untersuchung. Britta
Badberg beschäftigt sich mit ausschlaggebenden Phänomenen, die das ökologische System
Stadt von innen und von außen, vor allem in bezug auf Stoff- und Energiezufuhr, beeinflußten.
Sie kann nachweisen, daß die systemökologischen Charakteristika der Städte eine überregionale
Tendenz zur Uniformität aufwiesen, und beschäftigt sich eingehend mit den
entscheidenden anthropogenen Einflüssen auf das Ökosystem Stadt.
Sie sieht ihre Arbeit als Beitrag zu einer „humanökologisch orientierten Umweltgeschichte“,
welch letztere nach ihrer Auffassung „auf institutioneller Ebene eine neue Ära der
interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften
einleiten“ könnte (S. l 27). Wenn bis dahin auch noch einige Zeit vergehen wird müssen,
können die Ergebnisse des lesenswerten und vielfliltige Anregungen vermittelnden Buches
zumindest als ein interessantes Einzelbeispiel verwirklichter theoriegestützter interdisziplinärer
Analyse angesehen werden.
Gerhard Jaritz (Krems!Budapest)
Dorothea Rippmann, Katharina Simon-Muscheid, Christion Simon, Arbeit –
Liebe – Streit. Texte zur Geschichte des Geschlechterverhältnisses und des
Alltags, 15. bis 18. Jahrhundert. Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Basel
1996, 350 S. , ISBN 3-85673-2./3-8
Kommentierte Quellensammlungen zu bestimmten und ausgewählten sozialhistorischen
Phänomenen stellen häufig noch ein Desiderat an die Geschichtswissenschaft dar. Umso
erfreulicher ist es, daß mit dem anzuzeigenden Werk ein derartiger Beitrag zum Problemkreis
Gender vorgelegt wurde. Obwohl sich die Quellenbeispiele vorrangig auf den Raum von Basel
im 1 5 . bis 18. Jahrhundert konzentrieren, ist das Buch durchaus auch fur ein internationales
Publikum relevant und empfehlenswert. Vor allem auch Historiker, die sich mit
6 1
Alltagsgeschichte auseinandersetzen, werden darin wertvolles Material finden. Dies begründet
sich einerseits durch die Auswahl der Inhalte, welche vor allem die Themenkreise
Alltagskriminalität, Gewalt, Ehe, Arbeit, Gesinde und Hexen umfassen.
Andererseits bietet die methodische Einfiihrung „Zur Lektüre von Gerichtstexten:
Fiktionale Realität oder Alltag in Gerichtsquellen?“, die sich mit Problemen und Möglichkeiten
der Textanalyse auseinandersetzt, eine Reihe von wichtigen Anregungen zum Umgang mit den
Quellen. Die Tatsache, daß „Gerichtsakten aller Art mehrdeutige, mehrschichtige und
widersprüchliche Gebilde“ (S. 38) sind, regt zum komparativen „puzzle solving“ (S. 19) an.
Man wird mit „realen Fiktionen und fiktionaler Realität“ konfrontiert. Damit erscheint vor
allem die Heranziehung der Texte zur „Suche nach Belegen fur Mögliches, Alltägliches,
Selbstverständliches und Ausserordentliches“ (ebd.) von Interesse und Wichtigkeit. Es wird
deutlich gemacht, daß tendenzielle Fiktionalität von Texten dem Informationsgehalt keinen
Abbruch tut. Und gerade die Betonung dieser Feststellung erscheint fur jede Art von
alltagshistorischer Forschung von besonderer Bedeutung.
Gerhard Jaritz (Krems/Budapest)
Franz Mandl, Das östliche Dachsteinplateau. 4000 Jahre Geschichte der
hochalpinen Weide- und Almwirtschaft [Günter Cerwinka u. Franz Mandl
(Hrg.), Dachstein. Vier Jahrtausende Almen im Hochgebirge, Bd. I
(=Mitteilungen der AN1SA 1 7, 1996, Heft 213)} AN1SA; Gröbming /996, ISBN 3-
90/071-08-3. Erhältlich bei: Verein AN1SA, A-8962 Gröbming 223
Nach mehr als zwei Jahrzehnten unermüdlicher Forschungsarbeit durch den Verein ANJSA
und dessen Leiter Franz Mandl liegt nun der erste von zwei Bänden zur Geschichte der Weideund
Almwirtschaft auf dem östlichen Dachsteinplateau vor. Zwar gab es schon in früheren
Heften der Vereinszeitschrift Überblicksarbeiten zur Archäologie und Siedlungsgeschichte
dieses Raumes, doch kann das vorliegende Werk als umfassende „Krönung“ dieses
Langzeitunternehmens bezeichnet werden. Dem kommt auch die erstmalige Erscheinungsform
in A4 mit farbigem Hardcovereinband entgegen.
Anlaß ist der Abschluß eines dreijährigen interdisziplinären Forschungsprojektes
gemeinsam mit der Universität Graz und anderen Institutionen, das vor allem der
Untersuchung der Plankenalm, einer von mehreren Hundert Almstellen dieses Plateaus,
gewidmet war, und dessen Ergebnissen v.a. der in Bälde erscheinende Band 2 gewidmet ist. ln
Band I versucht der Autor hingegen eine Siedlungs- und wirtschaftsgeschichtliche Synthese aus
den bisherigen archäologischen, palynologischen, geographischen, vegetationskundliehen und
volkskundlichen Forschungen zu erzielen.
In der Einleitung wird neben einem allgemeinem, gut recherchierten Überblick über den
Forschungsstand zur hochalpinen Alm- und Weidewirtschaft eine Einfuhrung in die Forschungsgeschichte
geboten, die zeigt, daß Mandl wie in kaum einem anderen ostalpinen Gebiet
auf brauchbare wissenschaftliche Grundlagen zurückgreifen konnte. Dies ist einerseits der
Forscherpersönlichkeit Friedlich Simony zu verdanken, dessen geographische Arbeiten zum
Dachstein noch heute wegweisend sind. Andererseits wirkte sich die Nähe zum weltberühmten
prähistorischen Fundort Hallstatt befruchtend auf die archäologische Erkundung aus, wobei
vor allem Fragen nach alten (Salz-) Wegverbindungen und nach der Erschließung des
Hallstätter Hinterlandes zur Zeit des urgeschichtlichen Bergbaues im Vordergrund standen.
62
Der Hauptteil der Arbeit widmet sich der Vorstellung der Fundplätze nach Zeithorizonten,
die sich von der Bronzezeit an nachweisen lassen. An dieser Stelle sind einige kritische
Bemerkungen zur Fundgewinnung und absoluten Datierung notwendig. Zweifellos ist das
Auffinden von archäologischen Fundplätzen im alpinen Milieu ein langwieriges und kraftraubendes
Unterfangen, in dieser Hinsicht ist die Vielzahl an wiederentdeckten Almwüstungen
ein Hinweis auf die gewaltigen Leistungen, die bisher im Rahmen des Vereines ANlSA erbracht
wurden. Daß ein Großteil der Funde mit dem Metallsuchgerät getätigt wurde, wird von
Mandl auch gar nicht in Abrede gestellt, sondern mit dem geringen Kostenfaktor gegenüber
Flächengrabungen und der geringen Eindringtiefe bei der Fundbergung in Bereiche, die ohnehin
durch Viehtritt gefahrdet bzw. zerstört sind, begründet‘ · Der Rezensent kann den Argumenten
hinsichtlich der unter der Aufsicht des Denkmalamtes durchgefuhrten Prospektion von
Altwegen, die anders kaum datierbar wären, durchaus folgen. Hingegen fuhren auch
kleiostflächige Sondagen im Siedlungsbereich zu unangenehmen und unwiederbringlichen
Störungen im archäologischen Befund, z.B. zur Teilvernichtung von Herdstellen durch die
erfolgte Entnahme von Holzkohle fur C- 1 4 Proben. Nach meiner Ansicht wäre eine Fundbergung
in bescheidenerem Rahmen aus den durch Viehtritt verworfenen Rasensonden möglich.
Die reiche Zahl an Radiokarbondatierungen ist wohl einer der erfreulichsten Aspekte
dieser Arbeit, ermöglichen diese doch auch durch ihre Konzentration in einzelnen Epochen,
zeitliche und räumliche Begehungs- und Bewirtschaftungsmuster zu erkennen. Leider wurde
aber mit den Labordaten insofern recht leichtfertig umgegangen, als bei den kalibrierten Werten
nicht die Abweichungen vom Mittelwert mit der jeweiligen Wahrscheinlichkeitsrate
angegeben wurde. Dadurch entsteht der Eindruck einer Scheingenauigkeit von wenigen Jahren,
wobei die Zeitdaten insbesondere bei den mittelalterlichen und bronzezeitlichen Zeitangaben
tatsächlich erhebliche Spannweiten besitzen2 Daher macht eine Zuordnung beispielsweise zu
einer Substufe der Bronzezeit auch wenig Sinn, zumal diese über typologische Erscheinungsformen
der Kulturen und nicht über absolute Daten definiert sind3.
Abgesehen von wenigen strittigen Funddatierungen􀂘 ist die Vielfalt an Funden und
Befunden der Urgeschichte, des Mittelalters und der Neuzeit verblüffend; alle Fundorte und
Objekte sind in kartographischer, photographischer und zeichnerischer Darstellung gut
dokumentiert. Mandl vergleicht die Begehungsphasen mit den aus Pollenprofilen rekonstruier-
I Vgl. Kapitel 2.2. S. 16.
2 Z.B. S.30: 1260 B.C. cal.intercepl nach Mandl. nach Oxcal.2. 1 1400-1 160 B.C. bei 68.2% und 1􀄙30 -1040
B.C. bei 95.4% Wahrscheinl.: S. 72: 1235 AC. cal. lntercep1 nach Mandl. nach Oxcal. 2.1 1 160-1270 AC. bei
68.2%und 1040-1280 AC. bei 95.4% Wahrscheint Diese Beispiele lassen sich beliebig fonsetzen.
3 Das bedeutet. daß zwar Kulturen mittels naturwissenschaftlicher Methoden zeitlich faßbar werden können.
aber Holzkohle oder ähnliche Relikte ohne Anefaktcharaktcr lassen sich nicht einfach über absolute Zeitdaten
kulturell eindeutig zuordnen. Noch zweifelhafter ist die Zuordnung zu den frühmittelalterlichen Horizonten
.,Köttlach I uni:l li“. die ausschließlich über Fundvergesellschaftungen datien sind. hier aber mittels literarhis·
torischer Ereignisse (Einwanderung der Slawen im Alpenraum 􀀱 Köttlach I. Loslösung YOn der Avaria und
Herausbildung von Karantanien 􀀲 Köttlach II) datien \\erden (vgl. S. 62). Solche lineare historische Erklärungsmodelle
sind nicht haltbar und lassen sich in der jüngeren archäologischen Literatur Lum karantanischen
Raum nicht Iinden (s. Archäologie Österreichs. Sonderband 1997)
4 So handelt es sich z. B. bei der „Homsteinklinge“ auf Seite 3 1 . Kat.Nr. l. der Zeichnung nach um einen
Kratzer. der in dieser Form vom Jungpaläolithikum bis zur Bronzezeit vorkommt. Das darauffolgende Flach·
bei! müßte wohl einer Metalluntersuchung unterLogen werden. um es genauer zeitlich einordnen zu können.
Fonnidente Flachbeile aus Kupfer sind v.a. fiir das beginnende Jwlgneolitllikum (KupferLcit) im nordalpinen
Rawn typiscll. (vgl.: Chr. Strahm. Die Anfange der Metallurgie in der Schweiz. He!Yetia Archaeologia 97.
1994. 15-17. Abb. l l) . Bei den hochma. Messerformen (S.66 ff.) fehlen überwiegend Datierungshin\\eise.
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ten Klimadaten und kann hier weitgehende Übereinstimmungen feststellen. Allein die von Kral
postulierte Almnutzung in der Eisenzeit ist bisher durch archäologische Funde nicht zu
belegen. Neu ist die Erkenntnis, daß vermutlich bereits ab dem 7. Jh. wieder mit einer teilweisen
Bewirtschaftung der Hochweiden zu rechnen ist. Hier liegen fur den steirischen Raum
erstmals massiv Daten vor, die selbst im Flachland bisher noch kaum nachgewiesen sind.
Für die Mittelalterforschung von besonderem Interesse ist, daß Mandl bei der fonnalen
Entwicklung der Almhütten das Entstehen von zweiteiligen Bautypen im Hochmittelalter und
dreiteiligen im Spätmittelalter nachweisen konnte. Diese Tendenzen scheinen zeitlich parallel
mit der Entwicklung der Bauernhausfonnen zu laufen, auch wenn dafur Anhaltspunkte erst
außerhalb des inneralpinen Raumes gewonnen werden konnten. Besonders zu würdigen ist in
diesem Zusammenhang die Kooperation mit deutschen Dendrochronologen zur Datierung der
neuzeitlichen Hüttenreste. Damit kann dieses Projekt zu den Pionierleistungen im Bereich der
Baumringdatierungen in Österreich gerechnet werden. Abgerundet wird der Hauptteil durch
wertvolle Dokumentationen zu den Verfallsprozessen von Almhütten mittels historischer und
rezenter Ansichten, die Vorlage eines Pilzkachelofens und einer neuzeitlichen Köhlerei. Alles
in allem gelingt es Mandl überzeugend, fur das Entstehen und Auflassen von Wegesystemen
und Weideplätzen in denjeweiligen Epochen Grundlagen und Beweggründe herauszuarbeiten.
Der Schlußteil des Buches ist der Datierung ostalpiner Felsbilder anhand neuerer Forschungen
am Dachsteinplateau gewidmet. Die vorgestellte Methodik basiert auf der Erkenntnis,
daß Felsbilder überwiegend in Verwitterungsrinden des Kalks geritzt wurden, die bis
heute einem dynamischen Prozeß aus langsamer Bildung an der Übergangszone zum Felsen
und einer Verwitterung an der Oberfläche unterliegen. Dadurch werden auch Felsbilder in
Mitleidenschaft gezogen, wobei der Grad der Verwitterung ungefahre Hinweise auf deren Alter
liefert5. Mandls Vorschlag geht dahin, daß absolut datierbare Felsbilder (Jahreszahlen) an
derselben Wand als Datierungsparameter fur auf gleichartiger Oberfläche befindliche Bilder
verwendet werden können, indem die unterschiedliche Kerbentiefe als Zeitfaktor herangezogen
wird. Meines Erachtens geht diese bemerkenswerte Idee jedoch von einer falschen Prämisse
aus: Mandl nimmt eine durchschnittliche Einritztiefe von 3mm an, von dieser Zahl wird die
Differenz zur heute meßbaren Kerbentiefe bestinunt und als Zeitfaktor verwendet. Diese
Prämisse ist wohl unhaltbar, da kaum beweisbar ist, daß über Jahrhunderte und Jahrtausende
hinweg unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Werkzeugen auf unterschiedlich hartem
Untergrund immer genau 3mm tief eingeritzt haben. Selbst ein Abweichen von wenigen
Zehntelmillimetern fuhrt jedoch schon zu Ergebnissen, die weit außerhalb jedes statistisch tolerierbaren
Rahmens liegen6 Trotz der an sich vorsichtigen Fonnulierungen in diesem Kapitel
werden die vorgelegten Datierungsvorschläge in dieser Fonn auf Dauer nicht zu halten sein.
Trotz mancher Schwächen des vorgelegten Werkes kann dieses Buch jedem an der
alpinen Besiedlungs- und Wirtschaftsgeschichte Interessiertem zum Kauf und zur LektOre
empfohlen werden. Die Veröffentlichung des Folgebandes darfmit Freude erwartet werden.
Thomas Kül1treiber (Krems)
s Vgl. S. 140 ff.
6 Das gleiche gilt für das Beispiel aus dem Bärenloch (S. l53ff), wo, ausgehend von einer typologischen Datierung
eines Pentagramms 300-700 Jahre vor heute, ein Durchschnittsalter von 500 Jahren (!) für die Multiplikation
mit dem Zeitfaktor 4-10 genommen wird Dabei errechnet Mandl ein Alter \’Oll 3500+/- 1500 Jahre
vor beute und nimmt dies als Beleg für eine Begebung in der Bronzezeit. Tatsächlich ergibt sich jedoch ein
Zeitrahnten von 300×4 bis 700x l0 Jahren. d.h. 1200 bis 7000 vor heute (unberücksichtigt bleibt dabei die
falsche Prämisse). Ein Kommentar erübrigt sich.
64
MEDIUM AEVUM
QUOTIDIANUM
37
KREMS 1997
HERAUSGEGEBEN
VON GERHARD JARJTZ
GEDRUCKT MIT UNTERSTÜTZUNG DER KUL TORABTEILUNG
DES AMTES DER NIEDERÖSTERREICHISCHEN LANDESREGIERUNG
Titelgraphik Stephan J. Tramer
Herausgeber: Medium Aevum Quotidianum. Gesellschaft zur Erforschung der
materiellen Kultur des Mittelalters, Körnermarkt 13, A-3500 Krems, Österreich.
Für den Inhalt verantwortlich zeiclmen die Autoren, ohne deren ausdrückliche
Zustimmung jeglicher Nachdruck, auch in Auszügen, nicht gestattet ist.- Druck:
KOPITU Ges. m. b. H., Wiedner Hauptstraße 8-10, A-1 050 Wien.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Iliana Tschekova, Die chronistische Erzählung
über den FürstenOleg und das skandinavische Epos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Ryszard Grzesik, Dynastische Machtbegriffe
in den ostmitteleuropäischen Chroniken des Mittelalters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Gerhard Jaritz, „Transeuntes ad alium Ordinem.“
The position of Cistercians and Carthusians in the Middle Ages . . . . . . . . . . . . 32
Kyril Petkov, Die ‚Orientalisienmg‘ des Balkans
in der deutschen Vorstellung des 15. und 16. Jahrhunderts.
Eine Untersuchtmg spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher
Walm1ehrnungsmuster in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Rezensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Vorwort
Wir freuen uns, Ihnen mit diesem Heft verschiedene Beiträge vorlegen zu können,
die von Mitgliedern und Freunden von Medium Aevum Quotidianum verfaßt
wurden. Sie repräsentieren in der Mehrzahl Forschw1gsergebnisse von
osteuropäischen Kollegen aus Bulgarien und Polen, die dadurch einem
internationalen Fachpublikum zugänglich gemacht werden sollen. Unsere
Gesellschaft versucht somit neuerlich, ihrem Ziel einer Brückenfi.mktion zwischen
östlicher lmd westlicher Geschichtswissenschaft gerecht zu werden.
Die Planungen für die nächsten Hefte von Medium Aevum Quotidianum
sind bereits abgeschlossen. Wir können Ihnen mitteilen, daß im September 1997
mit dem Erscheinen von Sonderband VI zu rechnen ist, der eine Arbeit von James
Palmitessa (New York-Kalamazoo/Mich.) beinhalten wird, welche sich einer
systematischen Analyse der Prager Bürgerinventare des 16. und 17. Jaltrhunderts
widmet. Als letztes Heft des heurigen Jallres wollen wir die Ergebnisse einer
Round Tabte-Diskussion präsentieren, die beim International Medieval Congress
in Leeds im Juli des heurigen Jahres stattfinden und sich mit „History of Everyday
Life: the Variety of Approaches“ auseinandersetzen wird. Das erste Heft des
Jahres 1998 soll lffigarische Forschungen zur mittelalterlichen Ernältrung
beinhalten, während die darauffolgende Publikation einer internationalen Gruppe
von Archäologen Gelegenheit geben wird, sich mit Möglichkeiten ihres Beitrages
zu einer Alltagsgeschichte des Mittelalters zu beschäftigen.
Gerhard Jaritz
4