2020 ist nicht nur ein Schaltjahr, sondern wird auch aus anderen Gründen als außergewöhnlich in Erinnerung bleiben. Mit seinen zahlreichen Herausforderungen ist es an unserer Zeitschrift MEMO, die seit 2017 jährlich mit zwei Ausgaben erscheint, ebenfalls nicht spurlos vorübergegangen. Nachdem heuer in der ersten Jahreshälfte durch Corona bedingte Schließungen von Instituten und Bibliotheken für viele Kolleginnen und Kollegen in der Wissenschaft erschwerte Arbeitsbedingungen mit sich brachten, wird sich der Erscheinungstermin der beiden diesjährigen Ausgaben auf das letzte Jahresviertel verschieben.

Ausgabe 6 wird, sofern alles nach Plan abläuft, im Oktober online gehen. Sie trägt den Titel Shaping Matter(s) und beleuchtet aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven den gestaltenden Umgang mit formbaren Materialien in Mittelalter und Früher Neuzeit. Kaum ein anderer kreativer Gestaltungsprozess steht der biblischen „creatio ex nihilo“ näher als das Formen weicher, amorpher Materialien wie beispielsweise Ton, Wachs, Pappmaché oder Teig. Wie wurden die jeweils zur Anwendung kommenden Herstellungsprozesse wie Freihandformung, Gießen, Modeln oder Prägen symbolisch ausgedeutet? Und wie floss diese Ausdeutung wieder in den kreativen Schaffensprozess ein? Diesen und anderen Fragen wird in den Beiträgen der Ausgabe am Beispiel verschiedener Materialien und Bearbeitungstechniken auf den Grund gegangen.

Fast schon zur Tradition geworden ist das wissenschaftliche Interview, das sich in bisherigen MEMO-Ausgaben als zwangloses Format etabliert hat, um Forscherinnen und Forscher nach deren persönlichen Zugängen und Einschätzungen zu bestimmten Themen zu befragen. Auch in MEMO # 6 wird wieder ein Interview enthalten sein, es wird aber auch erstmals ein neues Format eingeführt werden: Im „Interdisziplinären Dialog“ werden zwei Angehörige verschiedener Fachdisziplinen – den Beginn machen Germanistik und Geschichte – ins Gespräch kommen und sich, ausgehend von Ergebnissen und Beobachtungen aus ihren eigenen Arbeitsbereichen, zu konkreten Fragestellungen austauschen.

MEMO # 6 Shaping Matter(s) baut in konzeptioneller Hinsicht auf der gleichnamigen Session auf, die Thomas Kühtreiber und Gabriele Schichta 2019 am International Medieval Congress in Leeds organisierten. Inhaltlich ist sie der am IMAREAL angesiedelten Forschungsperspektive Material(i)ties zuzuordnen. Diese verfolgt das Ziel, die materielle Kultur verstärkt über die Materialien, welche als Werk-Stoffe deren Grundlage bilden, in den Blick zu nehmen.

Das Titelbild für die neue Ausgabe – hier oben bereits als Auschhnitt im Header zu sehen – wurde uns diesmal freundlicherweise von der österreichischen Künstlerin Barbara Schmid zur Verfügung gestellt. Sie zeigt ein Selbstberührungsobjekt: Aus dem kurzen, konzentrierten Zusammendrücken eines weichen Tonklumpens mit beiden Händen entsteht die „zurückgebliebene Negativform der lebendigen Berührung“.